17.03.2017 | Fokus

„Dass Fische Persönlichkeit haben, ist ein wichtiger evolutionärer Mechanismus“

Seit mittlerweile zehn Jahren beschäftigt sich IGB-Forscherin Kate L. Laskowski mit der Persönlichkeit von Fischen. Im Interview erklärt die Verhaltensbiologin, was wir von Fischen lernen können – und verrät, warum sie eine bestimmte Fischart besonders gerne hat.

Foto: David Ausserhofer

Frau Laskowski, was macht eine Fisch-Persönlichkeit aus?

Unter Persönlichkeit bei Fischen verstehe ich Vorhersagbarkeit: Kann ich auf Basis früheren Verhaltens vorhersagen, wie sie sich in einer ähnlichen Situation verhalten werden, haben sie eine Persönlichkeit. Zum Beispiel sind Fische unterschiedlich aktiv oder aggressiv und reagieren verschieden auf eine neue Umgebung oder auf riskante Situationen.

Wie testen Sie Persönlichkeit bei Fischen?

Wir beobachten die Tiere in standardisierten Bassins. Um etwas über die unterschiedlichen Typen herauszufinden, geben wir sie zum Beispiel in ein neues Bassin mit anderem Bewuchs oder weiteren Fischen, also in eine neue Umgebung, und beobachten über viele Tage oder Wochen, wie sie sich verhalten: Ist ein Fisch eher aktiv oder passiv? Was passiert, wenn eine Gefahr eintritt?

FotoFoto: David Ausserhofer

Zum Beispiel?

Wir geben vor, dass ein Raubfisch ins Becken kommt, indem wir einen Vogelschädel in das Wasser werfen. Die Fische denken erst einmal, sie werden gleich gefressen. Wir schauen, wie lange es bei jedem Tier dauert, bis es sich erholt und wieder zum normalen Schwimmverhalten zurückkehrt.

Was sind Gründe für verschiedene Persönlichkeiten?

Persönlichkeit zu haben, sich also unterschiedlich zu verhalten, ist ein wichtiger evolutionärer Mechanismus. So kann in einer Gruppe Druck reduziert werden, was ihrer Wahrscheinlichkeit zu überleben zugutekommt. Wie sich ein individueller Fisch verhält, hängt eng mit seiner Entwicklung zusammen. So haben wir Experimente mit klonierten Mollys gemacht, also Fischen, deren Erbgut identisch ist – Unterschiede im Verhalten entstehen also durch ‚Lernen in der Gruppe‘. Nach der Geburt setzten wir jeweils zwei von ihnen zusammen. Beim Kampf um die Rangordnung gab es Mollys, die stets siegreich waren, andere, die mal unterlagen und mal gewannen, und wiederum andere, die stets verloren. Das Sozialverhalten dieser Fische haben wir in deren weiterem Leben beobachtet…

… und was herausgefunden?

Wie zu erwarten, dominierten jene Mollys, die in der Frühphase ihres Lebens immer siegreich waren, auch später ihre jeweiligen Kontrahenten – das waren einfach starke, dominante Tiere. Nun würde man erwarten, dass Mollys, die mal verloren und mal gewannen, dies auch im späteren Leben tun. Im Gegenteil entpuppten sie sich später jedoch als die wahren Verlierer.

Warum?

Da diese Fische gelernt haben, dass sie manchmal auch gewinnen, wagen sie es, die ‚Sieger-Typen‘ anzugreifen – gegen die sie verlieren. Hier kommen die ‚Loser-Fische‘ ins Spiel. Sie fordern die gerade geschlagenen Fische heraus und geben ihnen den Rest, verbessern damit also ihre Position im Teich.

Lassen sich diese Ergebnisse auch auf den Menschen übertragen?

Vielleicht! Immer wieder etwas Riskantes auszuprobieren und zu scheitern, kann etwas sein, mit dem schwer umzugehen ist. Und als Person, die in der Kindheit eher der Verlierer-Typ war, später besser klarzukommen, ist auch denkbar – wenn diese Person opportunistisch ist, also Chancen erkennt und zugreift.

Wie beeinflussen Fischpersönlichkeiten ihre Umwelt?

Um diese Frage geht es in einem aktuellen Projekt, für das wir im Sommer Barsche in drei verschiedenen Teichen hielten. Barsche haben eine starke Persönlichkeit; es gibt schüchterne, eher inaktive Fische, und ebenso sehr mutige, aktive. Wir teilten sie in drei Gruppen auf: Eine mit ausschließlich schüchternen, eine mit ausschließlich mutigen und eine mit einer Mischung aus beiden Individuen. Um zu ermitteln, ob sich die unterschiedlichen Persönlichkeiten auf das Ökosystem auswirken, maßen wir, wie sich die Zusammensetzung der wirbellosen Tiere – die Nahrung der Barsche – im Teich veränderte und wie sich der Bewuchs mit Algen entwickelte sowie der Abbau von Laub, mit dem wir die Teiche versetzt hatten. Zurzeit werden die Daten ausgewertet; ich rechne damit, dass sich die Teiche mit nur inaktiven und nur aktiven Fischen am deutlichsten unterscheiden: Die aktiven dürften deutlich mehr Wirbellose fressen, womit der Algenbewuchs größer und der Abbau des Laubes kleiner sein dürfte als bei den inaktiven Barschen.

Gibt es eine Fischart, die Ihnen am liebsten ist?

Ich mag Stichlinge besonders gerne. Sie scheinen intelligenter zu sein als andere Fische. Man kann förmlich sehen, wie sie überlegen: „Soll ich jetzt wirklich rausschwimmen“? Mollys dagegen denken nur ans Fressen.

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