01.06.2018 | Fokus | Katharina Bunk

IGB-Forscher Thomas Mehner wird neuer Präsident der International Society of Limnology

Thomas Mehner, Limnologe und Fischökologe am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin, wurde zum neuen Präsidenten der International Society of Limnology (SIL) gewählt. Die Societas Internationalis Limnologiae Theoreticae et Applicatae – so ihr Gründungsname – ist eine internationale Fachgesellschaft, deren Mitglieder sich der Limnologie und dem Management von Binnengewässern wie Seen, Flüssen und Feuchtgebieten widmen.

Thomas Mehner ist Leiter der Arbeitsgruppe Nahrungsnetze und Fischgemeinschaften und derzeit auch stellvertretender Direktor des IGB. | Foto: David Ausserhofer

Dr. Mehner, herzlichen Glückwunsch zum neuen Amt! Ihre Zeit als kommissarischer stellvertretender Direktor am IGB neigt sich dem Ende entgegen. Im Frühjahr 2019 werden Sie Ihr Amt als 13. Präsident der International Society of Limnology antreten. Freuen Sie sich über die neue Verantwortung?

Thomas Mehner: Selbstverständlich! Ich wünsche mir nämlich eine Erneuerung für die International Society of Limnology – zumindest teilweise. Diese Neuausrichtung herbeizuführen wird in der Position hoffentlich etwas einfacher. Die SIL ist in einer analogen Welt gegründet worden und war lange Zeit eine der wichtigsten Plattformen zum wissenschaftlichen Austausch innerhalb der Limnologie. Nun befinden wir uns aber schon eine ganze Weile im digitalen Zeitalter, und die sich daraus ergebenden Veränderungen für die Aufgaben der SIL müssen künftig stärker berücksichtigt werden. In den letzten zwei Jahren im Direktorat habe ich gelernt, dass es meist viele Meinungen gibt, die es zu akzeptieren und integrieren gilt – hierfür sind mir Ideen natürlich lieber als bloße Meinungen. Ich habe also schon erste Vorstellungen für eine Neupositionierung der SIL, im Endeffekt aber müssen wir SIL-Mitglieder im Dialog herausfinden, wo es hingehen soll. In jedem Fall sollten wir den Mut aufbringen, über wesentliche Änderungen zumindest nachzudenken.

Die International Society of Limnology wurde 1922 vom deutschen Ökologen August Thienemann, der als Begründer der Limnologie gilt, ins Leben gerufen. Hat die SIL eine spezielle Bedeutung für LimnologInnen im deutschsprachigen Raum?

Die SIL ist die älteste limnologische Fachgesellschaft und die Limnologie als Disziplin wurde in Deutschland geboren. Ein bisschen Stolz und einen Hang zur Tradition kann man den deutschen LimnologInnen also nicht absprechen. Nichtsdestotrotz bin ich sehr froh, dass sich den Binnengewässern als Ökosysteme dann auch rasch international gewidmet wurde. Und dass wir uns, auch dank der SIL, über deutsche, europäische und internationale Grenzen hinweg austauschen und voneinander lernen können.   

Limnologiae Theoreticae et Applicatae: Wofür schlägt ihr Herz mehr, Herr Mehner, für die Theoretische oder die Angewandte Limnologie?

Das Feld der Limnologie ist von sich aus recht interdisziplinär: LimnologInnen kommen aus Biologie, Chemie, Physik und Mathematik. Daraus ergibt sich wohl auch unser Drang nach dem ganzheitlichen Verstehen limnologischer Systeme. Zusätzlich müssen wir uns aber regelmäßig fragen: Machen wir auch relevante Forschung? Grundlegende Forschungsfragen zu bearbeiten ist unerlässlich, aber Antworten auf reale umwelt- und gesellschaftsrelevante Problemstellungen zu finden, ist mindestens genauso wichtig.

Das klingt vernünftig, und es lassen sich Ihre Ideen für eine Neuausrichtung erahnen. 2022 feiert die SIL ihr 100-jähriges Bestehen. Schauen Sie gerne zurück oder lieber in die Zukunft?

Ich finde es schade, dass die Bedeutung von Fachgesellschaften stark abgenommen hat. Aber genau das ist es natürlich auch, was mich anspornt: ich will die SIL wieder sichtbarer machen. Wir leiden unter den gleichen Problemen wie viele andere Mitgliederorganisationen auch: Unsere Mitglieder werden immer älter, die Mitgliederzahl sinkt und die einstigen Vorteile von Fachgesellschaften und Kongressen – die Vernetzung, der Austausch von Ergebnissen und der Zugang zu (unveröffentlichten) Publikationen überhaupt – ist dank Internet quasi passé. Das bietet uns jetzt aber die Chance, die Strukturen, die in den letzten 100 Jahren gewachsen sind, für neue Aufgaben zu nutzen. Wir müssen uns neue Ziele setzen, an denen wir gemeinsam arbeiten – Aufgaben gibt es genug.

Sie wollen also weg von der Fachgesellschaft als Instrument der reinen akademischen Vernetzung und des Austausches hin zur Fachgesellschaft, die sich zu konkreten Problemstellungen positioniert?

Ja. Ich würde mir wünschen, dass wir programmatischer arbeiten, uns Schwerpunkte setzen, wieder praxisrelevanter werden. Bis in die 1990er Jahre zum Beispiel war Eutrophierung noch ein zentraler Forschungsschwerpunkt. Das Problem selbst ist zwar nicht vom Tisch, aber dank limnologischer Forschung weiß inzwischen jeder, was die Ursachen sind und wie dieser Prozess zu vermeiden bzw. umzukehren ist. Welche vergleichbaren Problemlagen gibt es  heute? Ich könnte mir vorstellen, unsere Mitglieder in Entwicklungs- und Schwellenländern deutlich stärker einzubeziehen und von ihnen über Probleme zu erfahren, die wir hier nicht auf dem Schirm haben, für die LimnologInnen weltweit aber nach Lösungen suchen könnten. Vielleicht könnte die SIL als Sprachrohr für diese Länder und ihre gewässerbezogenen Probleme dienen.

Haben Sie das Gefühl, dass junge WissenschaftlerInnen eher für solche konkreten Ziele zu begeistern wären?

Unbedingt! Idealerweise wird die SIL bald auch wieder für junge LimnologInnen eine unverzichtbare wissenschaftliche Heimat sein, in der sie fest verankert sind. Viele junge ForscherInnen eint der Drang nach Problemlösungen, sie wollen etwas bewegen und nicht einfach nur ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Forschung hat immer auch das Potential, konkrete Probleme zu lösen, aber dafür müssen wir natürlich unseren Blick für die Problemlagen schärfen. Hierfür würden sich die SIL-Kongresse – zu denen oft mehrere hundert LimnologInnen und ForscherInnen verwandter Disziplinen sechs Tage lang ihre Köpfe zusammenstecken – hervorragend eignen.

Der übernächste SIL-Kongress, der gleichzeitig auch Jubiläumsfeier sein wird, findet 2022 in Berlin statt. Welchen Part werden Sie hier spielen?

Die SIL-Kongresse werden von den jeweiligen nationalen VertreterInnen und ihren Institutionen organisiert. 2022 also von LimnologInnen aus Deutschland. Da das IGB in Berlin angesiedelt ist und ich dann (hoffentlich) noch immer Präsident sein werde, werden wir als IGB hier federführend sein. Ich würde mich aber über einen regen Austausch und die Zusammenarbeit in der Vorbereitung mit allen LimnologInnen aus Deutschland freuen. Auf jeden Fall wünsche ich mir, dass wir 2022 schon einige Veränderungen in Gang gebracht haben werden. Und dass wir den Kongress nutzen können, um der International Society of Limnology gemeinsam wieder zu der internationalen Relevanz zu verhelfen, die sie traditionell inne hatte und verdient.

Das Gespräch führte Katharina Bunk.

Ansprechpartner

Thomas Mehner

Stellvertretender Direktor a. i.
Arbeitsgruppe
Nahrungsnetze und Fischgemeinschaften

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