Einblick
Nadja Neumann

Auf ungewöhnlicher Dienstreise

Erste Mesokosmos-Forschungsanlage Afrikas für eine nachhaltige Olivenölproduktion
Für Forscher*innen ist ein Fernziel als Dienstreise nicht ungewöhnlich, mit dem Auto von Brandenburg nach Marokko zu fahren jedoch schon. Im Februar 2026 nahmen das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und die Cadi-Ayyad-Universität (CAU) in Marrakesch die erste permanente aquatische Mesokosmos-Anlage auf dem afrikanischen Kontinent in Betrieb. Mithilfe dieser Anlage können naturbasierte Lösungen zur Aufbereitung von Abwässern aus der Olivenölproduktion erforscht werden. Das dafür benötigte Equipment transportierte das Forschungsteam des IGB mit dem Auto dorthin.
Gruppenfoto des Teams aus IGB-Forschenden und Mitgliedern der Cadi-Ayyad-Universität (CAU) in Marrakesch.

Das Team aus IGB-Forschenden und Mitgliedern der Cadi-Ayyad-Universität (CAU) in Marrakesch nach Installation der Mesokosmos-Forschungsanlage. | Foto: IGB

Die Olivenölproduktion erzeugt erhebliche Mengen an Abwasser, das hohe Konzentrationen an Salzen, organischen Stoffen und Polyphenolen enthält. Viele Pflanzen produzieren Polyphenole, um Schädlinge abzuwehren. Eine geringe Menge an Polyphenolen ist für die Qualität des Olivenöls unerlässlich und wirkt sich positiv auf die menschliche Gesundheit aus. „In den sehr hohen Konzentrationen, in denen sie im Olivenmühlenabwasser vorkommen, können Phenolverbindungen jedoch aufgrund ihrer antibakteriellen Wirkung sehr schädlich für kleine Wasserorganismen sein”, erklärt der IGB-Wissenschaftler Dr. Ayoub El Ghadraoui. „Insbesondere, wenn dieses Abwasser ohne angemessene Behandlung in Gewässer eingeleitet wird, kann es die mikrobiellen Gemeinschaften in Flüssen, Seen und Stauseen verändern und damit die Funktion des gesamten Ökosystems beeinträchtigen“, fügt die IGB-Wissenschaftlerin Dr. Stella Berger hinzu. „Darüber hinaus herrscht in der Region eine allgemeine Wasserknappheit, weshalb das Abwasser aus Olivenmühlen eine zu wertvolle Ressource ist, um sie ungenutzt zu lassen“, ergänzt ihr Kollege Dr. Jens Nejstgaard.

CYCLOLIVE: Naturbasierte Lösungen für eine nachhaltige Olivenölproduktion in Kreislaufwirtschaft

Im Rahmen des EU-PRIMA-Projekts CYCLOLIVE entwickelt ein internationales Team kosteneffiziente, naturbasierte Lösungen, um kontaminiertes Abwasser aus der Olivenölproduktion so zu behandeln, dass es zur Bewässerung wiederverwendet werden kann. „Hierzu werden mobile Pflanzenkläranlagen erforscht, in denen das Abwasser durch natürliche biologische Abbauprozesse gereinigt wird. Unterstützt wird der Prozess durch Aktivkohle, die aus festen Olivenmühlenabfällen mittels solarbetriebener Technologien hergestellt wird”, erklärt Professor Faissal Aziz von der CAU.

Um die Auswirkungen solcher Aufbereitungsverfahren auf Süßwasserökosysteme zu untersuchen, hat das IGB in Kooperation mit der CAU in Marrakesch ein experimentelles Gewässerforschungssystem eingerichtet, das auch als Mesokosmenanlage bezeichnet wird. Mithilfe dieser Anlage können die Forscher*innen testen, wie sich unterschiedliche Mengen an behandeltem oder unbehandeltem Abwasser auf die Wasserqualität, die Planktonbiomasse und -zusammensetzung sowie die Ökosystemfunktionen auswirken. Ein weiteres Ziel der neuen Einrichtung ist es, Know-how aufzubauen, um künftig auch andere Untersuchungen zu den Reaktionen aquatischer Ökosysteme auf verschiedene Stressfaktoren durchzuführen und Lösungsansätze zu entwickeln.

Ungewöhnliche Dienstreise: Mit dem Auto von Stechlin nach Marrakesch und zurück

Im Februar 2026 weihte die Naturwissenschaftliche Fakultät Semlalia auf dem Campus der Cadi-Ayyad-Universität die Mesokosmos-Anlage ein. „Es ist die erste permanente Forschungseinrichtung für aquatische Mesokosmen in Afrika. Dies stellt somit auch einen bedeutenden Fortschritt für die Umweltforschung auf dem Kontinent dar“, sagte Dr. Rafael Bermúdez-Monsalve vom IGB. Um die Ausrüstung für die Mesokosmos-Anlage nach Marrakesch zu transportieren, legten Rafael Bermúdez-Monsalve und Jens Nejstgaard die 3 700 Kilometer lange Strecke mit dem Auto zurück – bis unter das Dach bepackt mit Equipment. Und das trotz der Überflutungen in Spanien und Marokko. Mit etwas Glück bekamen sie eine der wenigen Fähren über die Meerenge von Gibraltar.  Die letzte Etappe führte schließlich nach Marrakesch, wo sich Stella Berger dem Team anschloss, um die Anlage aufzubauen, das Experiment vorzubereiten und durchzuführen. In der letzten Woche stieß Ayoub El Ghadraoui zum Team, um die Rückreise mit Rafael Bermúdez-Monsalve inklusive der gesammelten Proben und weiterer Instrumente zum IGB Stechlin nördlich von Berlin anzutreten.

 

Das Forschungsteam des IGB ist mit dem Aufbau und Betrieb wissenschaftlicher Mesokosmos-Anlagen bestens vertraut. Dr. Stella Berger und Dr. Jens Nejstgaard koordinieren seit 16 Jahren die europäischen Mesokosmos-Netzwerke, zunächst im Rahmen des FP7-Projekts MESOAQUA, dann der H2020-Projekte AQUACOSM und dessen Nachfolgeprojekt AQUACOSM-plus. Stella Berger und Jens Nejstgaard gründeten zudem das internationale Netzwerk von Mesokosmos-Anlagen, mesocosm.org, zu dem nun auch die erste permanente afrikanische Mesokosmos-Anlage in Marrakesch, Marokko, gehört (mesocosm.org).