Daphne Cortese leitet am IGB die neue Forschungsgruppe „Fischökophysiologie". | Foto: David Ausserhofer
Frau Cortese, Sie untersuchen, wie Umweltfaktoren und Interaktionen zwischen Tieren die physiologischen Funktionen von Fischen beeinflussen, und möchten Ihre Forschung zu diesen Wechselwirkungen ausweiten. Warum finden Sie Fische in ihrem natürlichen Lebensraum als Forschungsgegenstand so faszinierend?
Seit ich angefangen habe, Fische unter Wasser zu beobachten, hat es mich sofort gepackt. Fische sind faszinierend aufgrund ihrer unglaublichen Vielfalt in Morphologie, Physiologie und Verhalten sowie der Art und Weise, wie sie sowohl mit ihrer Umwelt als auch mit anderen Tieren, die ihren Lebensraum teilen, interagieren. Mit fast 40.000 Arten besetzen sie ein breites Spektrum an Lebensräumen und ökologischen Rollen. Viele sind gesellig und leben in Gruppen, während andere Einzelgänger sind. Einige können sowohl Raubtiere als auch Beute sein, und manche ändern im Laufe ihres Wachstums sogar ihre Rolle innerhalb ihrer Gemeinschaft. Sie sind an Umgebungen angepasst, die von klaren, sauerstoffreichen Flüssen bis hin zu trüben, sauerstoffarmen Gewässern oder den offenen Ozeanen reichen, und diese unterschiedlichen Bedingungen prägen ihre Körperfunktionen, also ihre Physiologie. Fische sind besonders faszinierend, weil ihre Physiologie eng mit ihrer Umwelt verbunden ist. Da die meisten Fische wechselwarm sind, wirken sich Schwankungen der Wassertemperatur direkt auf ihren Stoffwechsel, ihr Verhalten, ihr Wachstum und ihre Fortpflanzung aus. Das macht sie zu hervorragenden Modellen, um zu verstehen, wie Tiere auf Umweltveränderungen reagieren. Gleichzeitig macht diese enge Abhängigkeit von ihrer Umwelt sie auch besonders verletzlich.
Tatsächlich sind Fische in hohem Maße von menschlichen Aktivitäten betroffen. Dazu zählen Klimawandel, Umweltverschmutzung, Lebensraumzerstörung sowie Befischung durch Fischerei und Freizeitaktivitäten. Zu verstehen, wie sie auf diese Belastungen reagieren, ist daher nicht nur wissenschaftlich faszinierend, sondern auch entscheidend für ihren Schutz und das Management von Gewässerökosystemen.
Sie haben einen Hintergrund in Meereswissenschaften. Was unterscheidet Ihrer Meinung nach die Forschung in diesem Bereich von der Forschung an Binnengewässern?
Der größte Unterschied liegt in der Umgebung, an die sich die Fische angepasst haben. Meeres- und Süßwasserökosysteme unterscheiden sich in ihrer Wasserchemie, ihrer räumlichen Ausdehnung, ihrer Vernetzung und ihrer Umweltvariabilität. Diese Faktoren prägen wiederum die Ökologie und Physiologie der dort lebenden Arten. Ich war überrascht, wie dynamisch Binnengewässer sein können. So kann sich die Wassertemperatur in Teichen und flachen Seen beispielsweise innerhalb weniger Stunden oder Tage um mehrere Grad ändern, insbesondere während Hitzewellen. Im Ozean verlaufen Temperaturänderungen aufgrund des viel größeren Volumens in der Regel viel langsamer, sodass Fische Umweltveränderungen ganz anders erleben. Aus wissenschaftlicher Sicht bieten Süßwassersysteme zudem einige praktische Vorteile: So korrodieren die Geräte aufgrund des geringeren Salzgehalts beispielsweise deutlich weniger.
Gleich zu Beginn Ihrer Zeit bei IGB haben Sie an einem Wissenschafts-Kunst-Projekt mit „FrauVonDa“ beteiligt. Was haben Sie aus dieser Erfahrung mitgenommen?
Es war eine sehr interessante Erfahrung! Zunächst hatte ich die Gelegenheit, am Kunstprojekt „OderHive“ in Stettin an der Mündung der Oder teilzunehmen. Nach der ersten Veranstaltung wurde ich schnell in ein zweites Projekt mit dem Titel „Rivers in Times of War and Peace“ in Berlin eingebunden. Bevor ich dabei war, hatte ich noch nie ein Format erlebt, das Wissenschaft mit Live-Musik und künstlerischer Performance verband. Das weckte sofort meine Neugier und entpuppte sich als ein wahrhaft multisensorisches Erlebnis. Die Kombination aus elektronischer Musik, Videoprojektionen und natürlichen Wassergeräuschen ließ mich durch Binnengewässer reisen und vermittelte gleichzeitig die Dringlichkeit der wissenschaftlichen Themen. Ich war überrascht, wie gut sich die künstlerische Atmosphäre mit dem wissenschaftlichen Beitrag und der Interaktion mit dem Publikum verband.
Einer der lohnendsten Aspekte war die Interaktion mit dem Publikum. Dessen nachdenkliche und unerwartete Fragen ließen mich darüber nachdenken, wie wertvoll es ist, Wissenschaft auf eine Weise zu vermitteln, die Neugier und Dialog anregt. Das Projekt brachte zudem Forscher*innen aus verschiedenen Disziplinen zusammen – von Ökologie und Biologie bis hin zu Philosophie und Soziologie – sowie aus Einrichtungen in Berlin und Stettin. Es war inspirierend, Perspektiven jenseits meines eigenen Fachgebiets zu hören und zu sehen, wie verschiedene Disziplinen zu einem umfassenderen Verständnis von Flüssen und ihren Herausforderungen beitragen.