Einblick
Sophia Kimmig

Wer braucht UNSTERBLICHKEIT, wenn es FREIHEIT gibt?

Ein Kommentar von Sophia Kimmig
Portrait von Sophia Kimmig

Sophia Kimmig ist Wissenschaftlerin und Schriftstellerin. Als Biologin verbindet sie ihre Leidenschaft für Wildtiere mit Expertise in Stadtökologie, Invasionsbiologie und Bürgerwissenschaften – und macht Naturforschung auf neue Weise erlebbar. | © David Ausserhofer/IGB

Wenn wir uns die Reiche vielzelliger eukaryotischer Organismen auf der Erde ansehen, finden wir zwei, mit fundamentalen Gemeinsamkeiten – und eines, dessen Lebewesen neue Wege gingen. Die Pflanzen und Pilze haben ausschließlich Organismen hervorgebracht, die sesshaft sind oder durch äußere Kräfte wie Winde und Strömungen verdriftet werden. Ihre modulare Bauweise ermöglicht ihnen, sich selbst immer wieder zu erneuern. Ein Leben nach dem Bauklotz Prinzip, bei dem der Organismus große Teile seines Körpers verlieren kann, ohne zu Grunde zu gehen. Man denke nur an einen gefällten Baum, der wieder neu austreibt. Ganz anders sieht tierisches Leben aus: Die meisten seiner Vertreter tragen ihre Existenz in empfindlichen Körpern durch die Welt. Lokomotion, die Fähigkeit, sich aktiv fortzubewegen, war offenbar entscheidend in der Geschichte des Lebens, denn das Tierreich hat die komplexesten aller Lebewesen hervorgebracht – und die mit Abstand größte Artenvielfalt. Ein für die Mobilität entwickelter Körper ist jedoch verletzlicher und kurzlebiger. Metaphorisch betrachtet, tauschten die Tiere auf evolutionärer Ebene potentielle Unsterblichkeit gegen Freiheit. 

Für das heutige Leben auf der Erde ist Mobilität von zentraler Bedeutung. Unzählige Arten sind in ihren Lebenszyklen auf Wanderbewegungen angewiesen. Das macht sie auch auf individueller Ebene verletzlich. Auf ihren Reisen sind sie vielen Gefahren ausgesetzt und ihr Leben hängt nicht nur am Zustand eines einzelnen Flecken Erde, sondern an vielen, teils weit verstreuten Orten. In einer von Menschen dominierten Welt, in der Landschaften umgeformt wurden und Flüsse von Barrieren durchzogen sind, sind es genau jene Arten, die besonders gefährdet sind: Jede fünfte wandernde Art steht kurz vor dem Aussterben. Die Gattung der Aale existiert beispielsweise seit über 50 Millionen Jahren. Die Wissenschaft hat fast 2.000 Jahre gebraucht, um herauszufinden, woher die Aale in unseren Gewässern stammen. Um sie zu retten, bleibt uns deutlich weniger Zeit. Umso wichtiger ist es, dass wir die komplexen Zusammenhänge zwischen Fortbewegung und Biodiversität, vom Individuum bis zum Ökosystem erforschen. Das IGB widmet sich der Thematik über viele Disziplinen hinweg. 

Der Schritt in die Mobilität war ein evolutionäres Wagnis, das in einer artenreichen lebendigen Welt resultierte. Unsere Forschung zu Bewegung kann uns dabei helfen, Kreisläufe zu identifizieren, Abhängigkeiten zu verstehen und nachhaltige Lösungen zu entwickeln, die den Erhalt dieser Vielfalt und letztlich unserer eigenen Lebensgrundlage gewährleisten.

Wissen zwischen Büchern

Auf der Berlin Science Week 2026 tauchen wir mit Ihnen u. a. in die Welt der tierischen Fortbewegung ein. Informationen zu den passenden Veranstaltungen finden Sie unter diesem Text.

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