Einblick
Angelina Tittmann

„Der große Vorteil ist, dass man nicht alleine ist mit seinen Entscheidungen“

Zwei Köpfe, eine Vision: Wie geteilte Führung das IGB bereichert
Zwei Forschende, eine gemeinsame Leitung: In unserem Gespräch berichten Sabine Wollrab und Hans-Peter Grossart, wie sie als Tandem Verantwortung übernehmen, ihre Expertisen verbinden, Perspektiven sich ergänzen und die Abteilung „Plankton- und Mikrobielle Ökologie“ gestalten. Dabei erzählen sie nicht nur von ihrer Arbeit, sondern auch von persönlichen Erfahrungen, die ihren Führungsstil prägen. Es ist die erste Doppelspitze am IGB.
Portraits der beiden leitenden Forschenden vor dem Stechlinsee.

Sabine Wollrab und Hans-Peter Grossart leiten zusammen die Abteilung Plankton- und Mikrobielle Ökologie am Stechlinsee. | Fotos: David Ausserhofer/IGB

Frau Wollrab und Herr Grossart, erzählen Sie uns ein wenig über sich. Welche Stationen oder Erfahrungen haben Sie auf Ihrem bisherigen Weg in der Wissenschaft besonders geprägt – beruflich wie persönlich?

Hans-Peter Grossart: Ich komme eigentlich von der Landwirtschaft. Ich hatte also immer den Bezug zur Natur und wollte auch immer etwas in der Natur machen. Ich habe in der Schule dann beim „Jugend forscht“ Landeswettbewerb in Rheinland-Pfalz mitgemacht, das hat mich geprägt. Da ging es nämlich auch um Wasser – um Wasserreinhaltung. Für mich stand die intrinsische Motivation an einem Thema immer im Vordergrund.

Sabine Wollrab: Schon in der Schule habe ich realisiert, dass ich in die Wissenschaft gehen möchte. Ich wollte Zusammenhänge verstehen und ich habe mich schon sehr früh für Biologie begeistert. Später war es dann mein Doktorbetreuer, der bis heute ein Rollenvorbild für mich ist, menschlich und wissenschaftlich. Auch während meiner Zeit als Postdoc hatte ich stets Rollenvorbilder, das war für mich wichtig, um in der Wissenschaft zu bleiben. Die Wissenschaft kann ein hartes Umfeld sein, deshalb waren diese Menschen und Erfahrungen entscheidend für mich.

Was hat Sie beide dazu bewogen, gemeinsam die Leitung dieser Forschungsabteilung zu übernehmen?

SW: Wir haben uns erst einmal in Konkurrenz zueinander beworben. Wir konnten uns also beide vorstellen, es alleine zu machen. Irgendwann lag dann der Vorschlag auf dem Tisch, ob wir es nicht gemeinsam machen möchten. Wir haben uns dann zusammengesetzt und entschieden, dass wir dem Ganzen eine Chance geben.

HPG: Alleine wöllte ich es auch gar nicht mehr machen.

Auch die Leibniz-Gemeinschaft wirbt für flexible Leitungsmodelle wie Tandems oder Teilzeitlösungen. Wie leben Sie dieses Modell ganz praktisch in Ihrem Alltag?

SW: Wir haben eine gemeinsame E-Mail-Adresse, stehen in einem ständigen Dialog. Einmal die Woche treffen wir uns mit den Technikerinnen und Technikern. Da besprechen wir, was ansteht und ob es irgendwo Probleme gibt. Andere Dinge arbeiten wir einzeln ab.

HPG: Genau, viele interne Termine haben wir unter uns aufgeteilt. Der Informationsfluss muss aber dennoch immer gewährleistet sein.

Gibt es Momente, in denen die geteilte Verantwortung für Sie ein echter Vorteil ist?

HPG: Ja, auf jeden Fall. Ein großer Vorteil ist, dass immer jemand da und ansprechbar ist. Es hilft auch bei administrativen Hürden und beim Management, bessere Entscheidungen zu treffen – weil man sie diskutieren kann.

SW: Stimmt, der große Vorteil ist, dass man nicht alleine ist mit seinen Entscheidungen. Es gibt ein Feedback-System durch eine andere Person, die genauso eng in die Prozesse eingebunden ist.

Was empfinden Sie hingegen als Herausforderung in der Co-Führung?

Sabine Wollrab vor dem Stechlin

 

SW: Man muss schon sicherstellen, dass die Aufgaben gut aufgeteilt sind. Für mich persönlich ist es zudem herausfordernd, meine eigene Forschung weiter voranzutreiben. Ich will mein Profil noch weiterentwickeln und ebenso meine Gruppe. Dafür neben der Co-Führung genug Zeit zu finden, ist nicht immer leicht.

Haben Sie Strategien, mit dieser Herausforderung umzugehen?

SW: Ich halte mir meine Vormittage für meine eigene Forschungsarbeit frei. Da bin ich am kreativsten. Und nachmittags erledige ich eher das Administrative und Bürokratische. Man muss einfach mehr Haushalten und braucht mehr Disziplin, weil der Terminkalender voller ist.

HPG: Da kann ich mich anschließen: Neben der Feldarbeit möchte ich auch weiterhin noch im Labor stehen. Denn erst wenn man die Arbeit selber macht und die Prozesse sieht, versteht man, wie viel Mühe es kostet, eine wissenschaftliche Frage zu beantworten. Sich dieses Aufwands bewusst zu sein, gibt Erdung, das finde ich extrem wichtig.  

Sie leiten beide bereits seit einigen Jahren eigene Forschungsgruppen am IGB: Herr Grossart, Sie erforschen die kleinsten Organismen in unseren Gewässern – insbesondere aquatische Bakterien und Pilze –, während Sie, Frau Wollrab, die Dynamik von Nahrungsnetzen und ganzen Artengemeinschaften untersuchen. Wie nutzen Sie die Unterschiede in Ihrer Forschungsarbeit als Stärke?

SW: Wir haben durch die unterschiedlichen Forschungsschwerpunkte verschiedene Perspektiven und die bringen wir auch ein. Hans-Peter ist nah an der Laborarbeit dran und ich näher an der Nachnutzung und Auswertung der Daten. Es ist also nicht nur in den Schwerpunkten, sondern auch in der Arbeitsweise ein Gewinn.

Klimawandel und Artensterben sind aktuell drängende Themen. Wie trägt die Forschung in der Abteilung „Plankton- und Mikrobielle Ökologie“ dazu bei, diese Herausforderungen besser zu verstehen oder Lösungen zu entwickeln?

HPG: In meinem Fachgebiet machen wir viel Molekularbiologie. Das hat auch mit Gesundheitsaspekten zu tun, zum Beispiel wenn es um Antibiotikaresistenzen geht. Außerdem beschäftigen wir uns mit dem Abbau von Mikroplastik, Reifenabrieb oder anderen potentiell toxischen Substanzen. Als untere trophische Ebene sind Mikroorganismen auch die Grundlage aller Nahrungsnetze und entscheiden damit ganz maßgeblich über die Funktionen ganzer Ökosysteme, wie Wasserreinigung, Kohlenstoff- und Energiekreisläufe.

SW: Für mich steht der Stechlinsee im Fokus. Ich möchte, dass wir unsere Langzeitdaten stärker nutzen, um Fragestellungen, die mit dem Klimawandel aufkommen, nochmal genauer anzuschauen. Aktuell können wir anhand von Daten sehr gut in die Vergangenheit, aber noch nicht so gut in die Zukunft schauen. Wir haben erst letztes Jahr einen großen Datensatz zum Stechlin veröffentlicht. Das war so ein richtiger Meilenstein – für mich persönlich, aber auch für die Abteilung.

Sie führen jetzt gemeinsam die Abteilung in die Zukunft, was sind da Herausforderungen?

SW: Wir alle erleben den Klimawandel. Damit werden auch andere Fragestellungen relevanter: Wie können wir damit leben? Wie entwickeln sich die Gewässer in Zukunft? Auch unsere große experimentelle Plattform – das Seelabor – am Laufen zu halten und sie bestmöglich zu nutzen, ist eine Aufgabe. Außerdem erleben wir einen Generationenwechsel am IGB, das ist auch eine Herausforderung.

Hans-Peter Grossart vor dem Stechlin

 

HPG: Hinzu kommt, wir sind relativ weit weg vom Hauptsitz des IGB in Berlin. Viele qualifizierte Menschen wollen lieber in der Stadt sein, nicht hier auf dem Land. Dabei hat das Land nicht nur Nach-, sondern auch viele Vorteile. Die Gastwissenschaftler*innen, die wir hier beherbergen, genießen es immer sehr, Teil unserer Community zu sein. Die kommen aus allen Teilen der Welt an den Stechlin: aus Kanada, China, von den Philippinen, aus Indien oder Südamerika. Die Menschen erinnern sich immer gern an diesen sehr familiären Standort.

Haben Sie schon ein Fazit gezogen von der bisherigen Arbeit? Können Sie eine Co-Führung guten Gewissens empfehlen?

HPG: Geteiltes Leid ist halbes Leid (lacht). Es hilft bei vielen Entscheidungen, dass wir von zwei unterschiedlichen Blickwinkeln drauf schauen und damit potentiell besser reflektierte Entscheidungen treffen können. Aufgaben aufzuteilen, ist insbesondere auch dann sinnvoll, wenn man gleichzeitig sein wissenschaftliches Standbein beibehalten möchte.

SW: Wenn man alleine ist, hat man zwar auch oft eine Vertretung. Co-Leitung ist aber etwas ganz anderes! Ich finde es sehr gut, dass wir beide Entscheidungen treffen können, wir sind beide Leitungen und das stärkt unsere Position. Die Co-Leitung macht zudem den Wechsel der Generationen leichter. Ich fühle mich wohl in dieser Rolle.

Das Gespräch führte Adela Lukasczyk.