Ein dichter grüner Teppich aus Armleuchteralgen (Nitellopsis obtusa). | Foto: Solvin Zankl
Armleuchteralgen (Characeen) sind Unterwasserpflanzen und spielen eine entscheidende Rolle für die Wasserqualität und Biodiversität vieler Seen: Sie stabilisieren den Gewässerboden, produzieren Sauerstoff, fördern die Klarheit des Wassers und bieten zahlreichen Tieren Lebensraum. In Europa sind ihre Bestände jedoch seit dem späten 19. Jahrhundert in vielen Seen stark zurückgegangen, meist durch hohe Nährstoffeinträge. Anstelle grüner Unterwasserwiesen zeigen sich dann mitunter eher Unterwasserwüsten. In den letzten Jahrzehnten wurde dieser Trend jedoch plötzlich auch in eher nährstoffarmen Seen beobachtet. Die möglichen Ursachen dafür sind komplex und können neben Nährstoffeinträgen auch Veränderungen in der Fischgemeinschaft und veränderten Fraßdruck oder den Klimawandel sowie Krankheiten oder weitere Faktoren wie Pestizide umfassen.
Wissenschaftliche Grundlage für die Handlungsempfehlung: Forschung an 27 Testseen
Dr. Rüdiger Mauersberger, Projektleiter vom FFUS, erläutert: „In den letzten 15 bis 20 Jahren beobachteten wir in nordostdeutschen Seen teilweise drastische Rückgänge der bis dahin noch weitgehend intakten Bestände von Armleuchteralgen. Um die komplexen Ursachen systematisch zu untersuchen, entwickelten wir gemeinsam mit dem Bundesamt für Naturschutz das vorliegende Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben, das es uns ermöglichte, über vier Jahre hinweg verschiedene Wiederansiedlungsmaßnahmen in 27 kalkreichen, nährstoffarmen Hartwasserseen in Nordostdeutschland zu testen.“
Die untersuchten Maßnahmen umfassten Veränderungen der Wasserchemie in Bezug auf den Nährstoff-, Kalk- sowie den anorganischen Kohlenstoffgehalt, Anpassungen der Fischgemeinschaften sowie den Schutz der Armleuchteralgen vor Fraß. Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen wurde vom IGB wissenschaftlich erfasst.
Erfolg der Maßnahmen: In fast 80 Prozent der Testseen wachsen wieder Armleuchteralgen
Dr. Sabine Hilt vom IGB berichtet: „Wir verglichen die Entwicklung der Wasserchemie, Fischbestände und Armleuchteralgen in den Testseen mit denen in Vergleichsseen ohne Maßnahmen. In 77 Prozent der Testseen verbesserten sich die Armleuchteralgen-Vorkommen, während in den neun Referenzseen während der Projektlaufzeit keine derartigen Veränderungen beobachtet wurden. Auf Basis dieser Ergebnisse sowie vorhandener Literatur entwickelten wir die Handlungsempfehlung zur Auswahl geeigneter Maßnahmen zur Wiederansiedlung von Characeen in kalkreichen, oligo- bis mesotrophen – also nährstoffärmeren – Seen in Deutschland.“
Sabine Riewenherm, Präsidentin des BfN, betont: „Mit dieser Handlungsempfehlung wird erstmalig ein Schema vorgelegt, mit dessen Hilfe Anwenderinnen und Anwender Maßnahmen zur Wiederansiedlung von Armleuchteralgen zielgerichtet für einzelne Seen herleiten können. Mithilfe der Ergebnisse und Erfahrungen aus dem E+E-Vorhaben konnten verschiedene Maßnahmen hinsichtlich ihres Einflusses auf die Armleuchteralgenentwicklung verglichen werden. Ein Baustein für den Erhalt unserer biologischen Vielfalt.“
Die Handlungsempfehlungen auf den Punkt gebracht:
In den Handlungsempfehlungen ist ein Entscheidungsschema mit 26 Entscheidungsfragen formuliert. Dieses führt die Nutzer*innen zu der richtigen Auswahl aus den 17 verschiedenen Maßnahmen, zu denen jeweils der Hintergrund, die Methode sowie die Erfahrungen aus dem Projekt kurz beschrieben werden. Das Entscheidungsschema richtet sich an Wasser- und Naturschutzbehörden, Kommunen, private Seen-Eigentümer*innen und Naturschutzverbände und stellt den aktuellen Wissensstand inklusive der Wissenslücken dar. In vielen Fällen ist davon auszugehen, dass multiple Stressoren statt einzelner Faktoren zum Rückgang der Armleuchteralgen beigetragen haben. Im Entscheidungsschema wird dennoch versucht, zwischen möglichen Maßnahmen zu priorisieren, die auf Basis des aktuellen Wissensstands bei verschiedenen Ausgangssituationen empfohlen werden.
Die Handlungsempfehlungen sind als BfN-Schrift 752 erschienen >