Beispielfoto: Fische, wie dieser Flussbarsch, können individuelle Verhaltensweisen zeigen. Zum Beispiel schüchtern oder mutig sein. | Foto: Solvin Zankl
Fische machen etwa die Hälfte aller Wirbeltierarten aus und zeigen eine beeindruckende Vielfalt an Verhaltensweisen innerhalb von Populationen, zwischen Populationen derselben Art sowie zwischen Populationen, die in verschiedenen Ökosystemen leben.
Wer hätte beispielsweise gedacht: Obwohl Amazonenkärpflinge als Klone der Mutter genetisch identisch sind, unterscheiden sich einzelne Fische systematisch in ihrem Verhalten voneinander, selbst wenn sie unter identischen Bedingungen aufgezogen wurden. Das gilt auch schon für Jungfische. Tatsächlich gibt es bei allen bislang untersuchten Fischarten eine hohe innerartliche Verhaltensvielfalt – schüchterne und mutigere, soziale und weniger soziale Tiere. In der Forschung spricht man in diesem Zusammenhang von Verhaltenstypen.
Die Verhaltensvielfalt von Fischen entsteht wie bei anderen Tieren auch durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Dazu gehören der innere Zustand des Tieres – beispielsweise der Ernährungszustand –, seine genetische Ausstattung, seine Fähigkeit, das eigene Verhalten flexibel anzupassen, sowie die äußeren Bedingungen, denen es ausgesetzt ist. Der Mensch kann die Verhaltensvielfalt systematisch verändern.
Der Mensch verändert das Fischverhalten
Robert Arlinghaus, Professor für Integratives Fischereimanagement am IGB und an der Humboldt-Universität zu Berlin, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Verhalten von Süßwasserfischen. Er war an den beiden Artikeln beteiligt, die einen Überblick darüber geben, wie menschliche Aktivitäten das Verhalten von Fischen beeinflussen und wie der Mensch einen Selektionsdruck ausübt, der sich von natürlichen Faktoren unterscheidet.
Robert Arlinghaus erklärt: „Zu den menschlichen Einflüssen auf das Fischverhalten zählen beispielsweise die Veränderung und Störung von Lebensräumen, Wanderbarrieren, Verschmutzung und Vermüllung, die Ausbreitung invasiver Arten, eine merkmalsselektive Fischerei, aus der Aquakultur entflohene Tiere sowie klimabedingte Verschiebungen ökologischer Prozesse. Diese sogenannten anthropogenen Faktoren können Aktivität und Bewegung, Fortpflanzungsverhalten, Reaktionen auf Raubtiere, Aggression, Sozialverhalten, Kognition und Lernen direkt oder indirekt beeinflussen.“
Die Fischerei selektiert mutige, aggressive und schwimmfreudige Fische aus
Ein Beispiel hierfür ist die durch die Fischerei verursachte Selektion bestimmter Verhaltensmerkmale. Frühere Untersuchungen des IGB haben gezeigt, dass beim Angeln vor allem die mutigen und schwimmaktiven Karpfen und Hechte aus den Populationen entfernt werden. In stark befischten Gewässern kann Schüchternheit daher ein evolutionärer Vorteil sein und sich über Generationen hinweg etablieren. „Das bedeutet jedoch auch, dass Fische in stark befischten Gebieten nicht mehr so aktiv umherschwimmen. Dies kann die Verteilung der Fische, die Beziehungen zwischen Raub- und Beutetieren sowie die Konkurrenzverhältnisse verändern“, sagt Robert Arlinghaus. Auch Fischaufstiegsanlagen an Wasserkraftwerken können bestimmte Verhaltensweisen selektieren, wie beispielsweise die Fähigkeit zum Sprint, und so zu Verhaltensunterschieden zwischen den Teilpopulationen oberhalb und unterhalb von Wehren führen.
Verschiedene Arten von Umweltverschmutzung verändern das Verhalten systematisch
Schwedische Forschende haben bei verschiedenen Fischarten nachgewiesen, dass Umweltverschmutzung deren Verhalten unter natürlichen Bedingungen in Flüssen und Seen beeinflusst. So zeigten Guppys, die einer umweltrealistischen Konzentration eines beim Menschen angstlösenden pharmazeutischen Schadstoffs ausgesetzt waren, ein vereinheitlichtes Aktivitätsniveau. Dabei sanken die individuellen Schwankungen der Bewegungsfreude auf weniger als die Hälfte des Wertes, der bei nicht exponierten Fischen beobachtet wurde. Barsche und Lachse, die Arzneimittelrückständen ausgesetzt waren, schwammen aktiver in Seen bzw. in Flüssen umher, wodurch sich die Wahrscheinlichkeit erhöhte, von einem Raubfisch gefressen zu werden.
Künstliches Licht in der Nacht ist ein Beispiel für eine nicht stoffliche Verschmutzung von Gewässern. Es kann ebenfalls die Wechselbeziehungen zwischen Arten neu ordnen. So sammeln sich beispielsweise kleine wirbellose Tiere in beleuchteten Gewässerbereichen, was wiederum das Fressverhalten und die Lebensraumwahl von Fischen verändert.
Ein anderes Beispiel sind genetische Einflüsse durch entflohene Zuchtlachse aus Netzgehegen in norwegischen Fjorden. Lachse kehren zum Laichen in ihre Geburtsflüsse zurück. Dieses lokal angepasste Verhalten kann durch Kreuzungen mit aus Netzgehegen ausgebrochenen domestizierten Zuchtlachsen verloren gehen.
Rückkopplung des Zustands eines Ökosystems auf die Verhaltensvielfalt
Ob die Vielfalt von Verhaltensweisen erhalten bleibt, hängt auch vom Zustand des jeweiligen Ökosystems ab. „In abwechslungsreichen und ökologisch anspruchsvollen Lebensräumen ist die Verhaltensvielfalt oft besonders groß, da sich die Individuen auf unterschiedliche Ressourcen oder Strategien spezialisieren“, sagt Robert Arlinghaus. Umgekehrt kann Verhaltensvielfalt zur Stabilität und Resilienz der Artengemeinschaften beitragen, da sie Populationen vor lokalen Störungen schützt – sowohl innerhalb einer Art als auch zwischen verschiedenen Arten.
Auch die Fischerei profitiert von Verhaltensvielfalt
Insbesondere für die Fischerei ist die Verhaltensvielfalt wichtig. So wurde bei pazifischen Lachsen gezeigt, dass unterschiedliche Teilpopulationen in verschiedenen Flüssen verschiedene Laichzeitpunkte und Wanderdistanzen haben. Fällt die Reproduktion eines Bestands in einem Fluss witterungsbedingt aus, kann dies durch die Reproduktion in einem Nachbarfluss ausgeglichen werden. Die Existenz verschiedener Wanderungsmuster innerhalb des Kollektivs aller Lachsbestände stabilisiert somit die Fischereierträge in einer Region. Ein weiteres Beispiel ist der Kabeljau in Island: In der Vergangenheit stützten die eher standorttreuen Küstenfische und die stärker wandernden Hochseebestände verschiedene Fischereiflotten. Durch die selektive Entnahme der Küstenbestände wurden die entsprechenden Teilpopulationen ausgedünnt, wodurch die Küstenfischerei insgesamt unter Druck geriet.
Berücksichtigung der Verhaltensvielfalt von Fischen im Artenschutz
Die Forschenden empfehlen, das Verhalten und vor allem die Verhaltensvielfalt im Artenschutz stärker zu berücksichtigen. Sie ist ein Reservoir für Anpassungen an Umweltveränderungen und stärkt somit die Resilienz. Dies betrifft beispielsweise die Muster der Futtersuche, der Habitatwahl und der Fortpflanzung. Robert Arlinghaus betont: „Wir appellieren, die Verhaltensvielfalt als Aspekt der biologischen Vielfalt anzuerkennen und beim Schutz von Arten und Beständen zu berücksichtigen.“ Dies kann durch angepasste Managementmaßnahmen geschehen.
Dies kann durch angepasste Managementmaßnahmen geschehen. Ein Beispiel ist das sogenannte Entnahmefenster für die Fischerei, das nicht nur die kleinen, sondern auch die großen Fische schont. Diese sind nicht nur besonders wichtig für die Fortpflanzung, sondern zeigen häufig auch ein besonders mutiges Verhalten. Es wäre vorzuziehen, die Fischerei auf größere Gebiete zu verteilen, statt sie auf einzelne Orte zu konzentrieren. Vielfältig gestaltete Lebensräume sorgen zudem für Verhaltensvielfalt. In der Fischzucht ist das Anbieten variabler Aufzuchtbedingungen die Garantie dafür, dass Satzfische, die ausgewildert werden sollen, unterschiedliches Verhalten zeigen.
Wie die Autorinnen und Autoren hervorheben, ist die Beurteilung von Verhaltensvielfalt herausfordernd. Ein Grund dafür ist, dass sich das Verhalten von Fischen dynamisch entwickelt und nicht anhand einer einzelnen Momentaufnahme beurteilt werden kann. Moderne Methoden wie die Biotelemetrie bieten jedoch vielversprechende Ansätze, um Rückschlüsse auf das Verhalten von Fischen in freier Wildbahn zu ziehen und darauf aufbauend kluge Entscheidungen im Fischereimanagement und im Artenschutz zu treffen.
Den Artikel in Trends in Ecology & Evolution lesen >
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Fun Facts: Hätten Sie Fischen dieses Verhalten zugetraut?
- Aale wandern von den europäischen Binnengewässern quer durch den Atlantik, um in der Sargassosee zu laichen.
- Lachse und andere Wanderfische können ihren Geburtsfluss anhand von Gerüchen wiedererkennen.
- Beim Atlantischen Lachsen entscheidet ein einzelnes Gen über den Eintritt in die Pubertät und somit über den Zeitpunkt der Laichwanderung von den Ozeanen zurück in die Flüsse.
- Hechte zeigen in Seen drei verschiedene Verhaltenstypen, in Küstenregionen sogar vier. Einige von ihnen verbringen ihr ganzes Leben im schwach salzhaltigen Brackwasser, andere wandern zur Laichzeit wie Lachse zurück in die Zuflüsse.
- Durch Fischereiselektion werden Fische scheuer und weniger gut fangbar.
- Karpfen bilden im Sommer stabile Gruppen, die gemeinsam durch einen See schwimmen.
- Karpfen können sich sieben Monate lang daran erinnern, dass sie gefangen und zurückgesetzt wurden; Sie lassen sich dann schwerer angeln.