Blitzlicht
Nadja Neumann

Flüsse profitieren kaum von Europas Naturschutzgebieten

Schutzgebiete sollen die Biodiversität bewahren und Ökosysteme stabilisieren. Für Flüsse greift das bestehende Konzept jedoch zu kurz. Dies zeigt eine aktuelle Studie in Nature Communications unter Leitung der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung, an der auch das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) beteiligt war. Das internationale Team analysierte über 1.700 Flussstandorte in zehn Ländern über fast vier Jahrzehnte. Die Ergebnisse zeigen, dass Schutzgebiete oft nicht ausreichen, um die Biodiversität und Wasserqualität signifikant zu steigern.
Foto von einem Fluss mit Wasserfall in Irland.

Ein Fluss in Irland. | Foto: Markus Venohr

Das Forschungsteam untersuchte, wie sich die Vielfalt und Zusammensetzung der Flussorganismen – insbesondere kleiner Wirbelloser wie Insekten und Muscheln – in geschützten und ungeschützten Gebieten entwickelt hat. Diese sogenannten Bioindikatoren zeigen, wie gesund ein Fluss ist. In den meisten Fällen bestand kaum ein Unterschied zwischen geschützten und ungeschützten Gewässern; Hochwertige, bereits saubere Flüsse zeigten kaum messbare Effekte durch Schutzmaßnahmen, während mittelmäßig oder leicht beeinträchtigte Flüsse nur geringfügig profitierten. Lediglich stark belastete Flüsse verzeichneten Verbesserungen, sofern der Schutz weite Teile des Einzugsgebiets umfasste.

Viele Schutzgebiete ursprünglich für Landökosysteme

Die Forschenden betonen, dass viele Schutzgebiete ursprünglich für Landökosysteme wie Wälder oder Lebensräume seltener Vögel und Säugetiere ausgewiesen wurden.  Flüsse und ihre ökologischen Eigenschaften wurden dabei oft übersehen. Flüsse stehen in einem ständigen Austausch mit ihren Ufer- und Auengebieten, dem Grundwasser und der Atmosphäre. Sie erstrecken sich von der Quelle bis zur Mündung über die Grenzen von Schutzgebieten oder sogar Ländern hinweg. Schadstoffe oder landwirtschaftliche Einträge außerhalb der Schutzgebiete können daher in die Gewässer gelangen. Zudem erlauben viele Schutzgebiete weiterhin menschliche Nutzungen wie Land- oder Forstwirtschaft, was das Verbesserungspotenzial für Flüsse einschränkt.

Es zählt nicht allein die Größe der Schutzgebiete 

Mit Blick auf internationale Biodiversitätsziele, wie die Vereinbarung, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen, zeigt die Studie: Reine Flächenziele genügen für Fließgewässer nicht, wenn die Qualität und Ausgestaltung des Schutzes unzureichend sind. Es kommt auch darauf an, wie diese Gebiete gestaltet und vernetzt sind. Das Forschungsteam plädiert daher für einen ganzheitlichen Ansatz bei der künftigen Gewässerschutzplanung. „Von zentraler Bedeutung ist dabei die Konnektivität der Flüsse. Anstelle einzelner kleiner Schutzgebiete müssen große Teile des gesamten Einzugsgebiets eines Flusses berücksichtigt werden – von der Quelle bis zur Mündung. Dazu gehören Uferzonen, Nebenflüsse und angrenzende Landschaften“, sagt Dr. Sami Domisch, IGB-Wissenschaftler und Mitautor der Studie. Zukünftige Schutzstrategien sollten daher Maßnahmen gegen Verschmutzung, eine nachhaltige Landnutzung und die Wiederherstellung natürlicher Flussläufe umfassen. 

 

Der Text basiert auf der Pressemitteilung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung >

Die Studie nutzte Daten von Hydrography90m, einer detaillierten Karte des weltweiten Flussnetzes, die Sami Domisch gemeinsam mit weiteren Forschenden vom IGB und der Yale University entwickelt hat >

Selected publications
Dezember 2025

Current protected areas provide limited benefits for European river biodiversity

James S. Sinclair; Rachel Stubbington; Ellen A. R. Welti; Jukka Aroviita; Nathan J. Baker; Miguel Cañedo-Argüelles; Zoltán Csabai; David Cunillera-Montcusí; Sami Domisch; Martial Ferréol; Mathieu Floury; Marie Anne Eurie Forio; Peter L. M. Goethals; Alexia M. González-Ferreras; Kaisa-Leena Huttunen; Richard K. Johnson; Lenka Kuglerová; Aitor Larrañaga; Timo Muotka; Riku Paavola; Petr Pařil; Jes J. Rasmussen; Ralf B. Schäfer; Rudy Vannevel; Gábor Várbíró; Martin Wilkes; Peter Haase
Nature Communications. - 16(2025), Art. 11146
Forschungsgruppe(n)