Pressemitteilung
Nadja Neumann

Neue Straßenlaternen, weniger tote Insekten

Insektenfreundliche Straßenbeleuchtung in drei deutschen Gemeinden erfolgreich getestet
Ein Forschungsteam unter Leitung des IGB hat in einer transdisziplinären Studie eine insektenfreundliche Straßenbeleuchtung entwickelt und im Sternenpark Westhavelland sowie in drei deutschen Kommunen getestet. Eine maßgeschneiderte und abgeschirmte Straßenbeleuchtung macht die Lichtquelle außerhalb des beleuchteten Bereichs nahezu unsichtbar und reduziert die tödliche Anziehungskraft auf fliegende Insekten in verschiedenen Umgebungen deutlich. Die Forscherinnen und Forscher sehen darin eine wichtige technische Lösung im Hinblick auf das Insektensterben. Die Studie ist in der Fachzeitschrift Communications Biology erschienen.

Dies ist eine der neuen Leuchten. Eine Insektenfalle hängt an der Lampe. | Foto: IGB

Straßenbeleuchtung kann nachts zur Falle für Insekten werden: Fluginsekten wie Nachtfalter werden wie von Staubsaugern angezogen. Oft umkreisen die desorientierten Insekten die Lichtquellen, bis sie dort vor Erschöpfung sterben oder gefressen werden. Um eine insektenfreundliche Straßenbeleuchtung zu testen, wurde in einem Feldversuch im Sternenpark Westhavelland (Projekt AuBe) und an Straßen in baden-württembergischen Gemeinden entlang von drei ausgewählten Naturschutzgebieten in den Landkreisen Rhein-Neckar, Karlsruhe und Freudenstadt (Projekt NaturLicht) die Straßenbeleuchtung in einem Vorher-Nachher-Vergleich umgerüstet. Die vier Standorte wurden so ausgewählt, dass sie ein breites Spektrum an Umweltbedingungen (städtisch, stadtnah, ländlich) und bereits vorhandener Lichtverschmutzung repräsentieren und sich über ein großes Gebiet in Deutschland erstrecken.

Licht nur dort, wo es gebraucht wird: Das ist besser als Dimmen

Die neuen LED-Leuchten strahlen gezielter, reduzieren das Streulicht und sind nach oben und zur Seite so abgeschirmt, dass die Lichtverschmutzung minimiert wird. Und sie mindern das Insektensterben: Die Fänge in den Insektenfallen an den Leuchten zeigten den Forschenden, dass deutlich weniger Fluginsekten angelockt wurden. Als Vergleich diente die bisherige konventionelle Beleuchtung.

Überraschenderweise hatte das Dimmen der konventionellen Leuchten um den Faktor 5 keinen signifikanten Einfluss auf die Anziehungskraft auf Insekten. „Wir sind eigentlich von einer allgemeinen Dosis-Wirkungs-Beziehung in Bezug auf das Flugverhalten der Insekten zum Licht ausgegangen. Es hat sich aber gezeigt, dass die Reduktion der unerwünschten Lichtemission durch räumliche Begrenzung und Abschirmung viel wirksamer ist als die Reduktion der Beleuchtungsstärke“, erklärt Manuel Dietenberger, IGB-Forscher und Erstautor der Studie. Der genaue Mechanismus, wie Insekten auf Straßenbeleuchtung reagieren, ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass einige Arten im Nahbereich nicht direkt auf das Licht zufliegen, sondern ihren Rücken zur helleren Hemisphäre ausrichten, um die Flugkontrolle zu behalten.

„Vor dem Hintergrund der Ergebnisse empfehlen wir den Einsatz maßgeschneiderter und abgeschirmter Leuchten, um Insekten zu schützen“, sagt auch Prof. Andreas Jechow von der Technischen Hochschule Brandenburg und Gastwissenschaftler am IGB. „Dies sollte vor allem in sensiblen Gebieten wie in der Nähe von Naturschutzgebieten, Süßwasserökosystemen oder anderen Gebieten mit hoher Biodiversität zum Einsatz kommen“, ergänzt Franz Hölker, Leiter der IGB-Forschungsgruppe Lichtverschmutzung und Ökophysiologie.

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Zu den Projekten

  • Das Projekt „Artenschutz durch umweltfreundliche Beleuchtung“ (AuBe) wird gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz t (BMUV; FKZ: 3518685A_H08). Die Versuchsfelder im Westhavelland sind Teil von „AuBe“. 
  • Das Projekt „NaturLicht“ ist Teil des „Sonderprogramms zur Stärkung der biologischen Vielfalt“ des Landes Baden-Württemberg und wird vom Regierungspräsidium Karlsruhe gefördert. Die Untersuchung der kommunalen Flächen in Baden-Württemberg sind Teil von „NaturLicht“.
Ansprechpersonen

Franz Hölker

Programmbereichssprecher*in
Forschungsgruppe
Lichtverschmutzung und Ökophysiologie

Manuel Dietenberger

Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in
Forschungsgruppe
Lichtverschmutzung und Ökophysiologie

Andreas Jechow

Gastwissenschaftler*in
Forschungsgruppe
Lichtverschmutzung und Ökophysiologie
Phytoplanktonökologie

Sibylle Schroer

Wissenschaftliche Koordinatorin Nachhaltigkeitsforschung
Forschungsgruppe
Lichtverschmutzung und Ökophysiologie

Gregor Kalinkat

Postdoktorand*in
Forschungsgruppe
Lichtverschmutzung und Ökophysiologie

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