Fokus
Nadja Neumann

Wanderfische: Kaum Bewegungsspielraum

Am 23. Mai 2026 ist „World Fish Migration Day”
Manche Fische müssen wandern, um das Überleben ihrer Art zu sichern – doch ihre Wege sind zunehmend versperrt. Auch Schutzgebiete bieten kaum Schutz, denn oftmals sind sie für Wasserlebewesen ungeeignet. Diese Kombination aus physischen Barrieren und unzureichend geschützten aquatischen Lebensräumen führt dazu, dass viele wandernde Süßwasserfischarten ihre natürlichen Routen nicht mehr nutzen können. Die Folge: Ihre Bestände schrumpfen – in den letzten 50 Jahren um rund 80 Prozent. Der Internationale Tag der Wanderfische (World Fish Migration Day) am 23. Mai 2026 soll auf die Bedeutung von Wanderfischen und frei fließenden Flüssen aufmerksam machen.

Beispielfoto: Eine Staumauer macht aus einem fließenden Gewässer ein stehendes. | Foto: Angelina Tittmann, IGB

Weltweit sind etwa 15.000 Süßwasserfischarten auf Wanderungen angewiesen, um ihren Lebenszyklus zu vollenden, d.h. ihre Laichgründe oder ihre Aufwuchsgebiete zu erreichen. Unter diesen Arten hält der Platin-Spatelwels (Brachyplatystoma rousseauxii) mit einer Strecke von 11.000 Kilometern, das entspricht etwa einem Viertel des Erdumfangs, einen Rekord: Es ist die weltweit längste Süßwasserwanderung – zu den Laichplätzen an den Ausläufern der Anden und zurück zur Mündung des Amazonas. Doch für diesen Fisch und viele andere endet die Reise oft schon nach wenigen Kilometern. Zahlreiche Hindernisse wie Wehre oder Wasserkraftanlagen versperren ihnen den Weg. 

Die versteckten Kosten der Wasserkraft

Die genaue Anzahl der Wasserkraftwerke weltweit ist schwer zu bestimmen. Bekannt sind mehr als 2.800 Stauseen mit einer Fläche von über 10 Quadratkilometern, die oft mit großen Wasserkraftwerken verbunden sind. Da kleine Wasserkraftanlagen keine großen Stauseen bilden, bleibt ihre Anzahl eine unbekannte Größe. Schätzungen zufolge sind jedoch mehr als 80.000 Kleinwasserkraftwerke in Betrieb oder im Bau – mit steigender Tendenz. Viele dieser Anlagen befinden sich in Hotspots der Süßwasserbiodiversität, darunter die Einzugsgebiete der Flüsse Amazonas, Kongo, Ganges und Mekong. 

„Wir beobachten sehr unterschiedliche Typen von Wasserkraftanlagen und regional unterschiedliche Entwicklungen”, sagt die IGB-Direktorin Prof. Sonja Jähnig. „In Deutschland, in der Alpenregion und in Europa insgesamt dominieren kleine Wasserkraftwerke. Viele von ihnen tragen nur wenig zur Energieerzeugung bei, haben aber erhebliche Auswirkungen auf die Flussökosysteme. Flüsse in Asien und Südamerika, die besonders artenreich sind und viele wandernde Arten beherbergen, sind dagegen zunehmend durch große Wasserkraftprojekte bedroht.“

In einer Studie in Biological Conservation hat ein Forschungsteam mit Sonja Jähnig die Folgen der Wasserkraft für große aquatische und semiaquatische Tiere zusammengefasst. Laut der Roten Liste gefährdeter Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) stellen Staudämme eine Bedrohung für fast 4.000 aquatische, semiaquatische und terrestrische Arten dar. So sind die Bestände wandernder Süßwasserfische, für die es ein Monitoring gibt, zwischen 1970 und 2020 im Durchschnitt um 81 Prozent zurückgegangen.

Keine Verbindung mehr: abgeschnitten von den Auen und vom Flussverlauf

Die von der Wasserkraft ausgehenden Gefahren beruhen auf einer Vielzahl von Faktoren. Besonders gravierend ist der Verlust der Konnektivität, also der Verbindung. Die Flusskonnektivität umfasst mehrere Dimensionen: die drei räumlichen Dimensionen – die Längsverbindung entlang des Flussverlaufs, die seitliche Verbindung zu den Auen sowie den vertikalen Austausch mit Grundwasser und Atmosphäre. Hinzu kommt die zeitliche Dimension, die sich auf natürliche Prozesse wie den Wasserfluss, den Sedimenttransport und die Temperaturentwicklung bezieht. 

„Wasserkraftwerke können alle vier Dimensionen dieser Konnektivität verändern und somit verschiedenste Auswirkungen auf die Biodiversität haben. Beispiele sind Lebensraumverlust durch Stauung, Beeinträchtigung von Wanderungen sowie erhöhte Verletzungs- und Sterberaten durch Turbinen oder sogenannte Schwall-Sunk-Effekte“, erklärt Sonja Jähnig.

Eine andere IGB-Studie in Conservation Biology mit Daten von 122 Wasserkraftwerken ergab, dass etwa jeder fünfte Fisch beim Abstieg durch Turbinen stirbt oder schwer verletzt wird. Bei mehreren Anlagen entlang eines Flusses steigt dieses Risiko. Zwar wurden an vielen Wasserkraftwerken Fischaufstiegsanlagen gebaut, deren Wirksamkeit ist jedoch oft begrenzt. 

Wandernde Süßwasserfische sind „ein blinder Fleck“ beim Schutz wandernder Tierarten

Trotz ihrer Schutzbedürftigkeit sind Süßwasserfische auf vielen Schutzlisten schlecht vertreten. Ein Beispiel ist die Bonner Konvention zum Schutz wandernder Tierarten (CMS). In einer Studie in Nature Reviews Biodiversity hat ein Forschungsteam des IGB aufgezeigt, dass Süßwasserfische in den Anhängen der CMS nicht ausreichend berücksichtigt werden. Denn von den 1.100 gelisteten Arten sind lediglich 23 Süßwasserfische.

Mitautorin Sonja Jähnig nennt mehrere Gründe dafür: „Die geringe Zahl von bislang 23 CMS-gelisteten Arten erklärt sich aus drei strukturellen Defiziten: unzureichende Daten zu Wanderverhalten und grenzüberschreitender Verbreitung, große Wissenslücken im IUCN-Status – viele Arten sind dort in der Kategorie ‚Data Deficient‘ zu finden – sowie geringe Beteiligung wichtiger Anrainerstaaten an der Bonner Konvention.“

COP 15 im März 2026: 325 weitere Süßwasserfischarten für CMS vorgeschlagen

Auf der Konferenz der Vertragsstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (COP 15) im März 2026 in Brasilien wurde in einem UN-Report die Aufnahme von 325 weiteren Süßwasserfischarten in die Anhänge der CMS angeregt. 50 der vorgeschlagenen Arten kommen in Europa vor. „Für Europa und die hier identifizierten 50 Arten zeigt der Report vor allem ein Umsetzungsdefizit: Die wissenschaftliche Evidenz ist vorhanden, aber Flusssysteme sind durch Wanderhindernisse wie Dämme zum Aufstau und zur Wasserkraftnutzung stark fragmentiert. Eine CMS-Listung würde hier vor allem internationale Koordination, verbindlichere Maßnahmen zur Wiederherstellung von Konnektivität und stärkere politische Priorisierung stärken”, sagt Sonja Jähnig. 

Europäische Flüsse unzureichend geschützt: Viele Schutzgebiete ursprünglich für Landökosysteme

Dass Flüsse als Lebensräume von aquatischen Lebewesen zu wenig geschützt sind, zeigt auch eine Studie in Nature Communications unter Leitung der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung mit dem IGB. Auch diese Studie hebt hervor, dass die Konnektivität eines Flusses ein entscheidendes Kriterium für einen erfolgreichen Schutz ist. 

Das Forschungsteam analysierte Daten von mehr als 1.700 Flussstandorten in zehn Ländern aus fast vier Jahrzehnten. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bewerteten, wie sich die Vielfalt und Zusammensetzung der Flussorganismen, insbesondere kleiner Wirbelloser wie Insekten und Muscheln, in geschützten und ungeschützten Gebieten entwickelt hat. Diese Bioindikatoren zeigen an, wie gesund ein Fluss ist. In den meisten Fällen gab es kaum Unterschiede zwischen geschützten und ungeschützten Gewässern: Bereits saubere Flüsse zeigten kaum messbare Effekte durch Schutzmaßnahmen, während mittelmäßig oder leicht beeinträchtigte Flüsse nur geringfügig profitierten. Lediglich stark belastete Flüsse verzeichneten Verbesserungen, sofern der Schutz weite Teile des Einzugsgebiets umfasste.

„Viele Schutzgebiete wurden ursprünglich für Landökosysteme wie Wälder oder Lebensräume seltener Vögel und Säugetiere ausgewiesen. Dabei wurden Flüsse und ihre ökologischen Eigenschaften oft übersehen“, sagt IGB-Wissenschaftler Dr. Sami Domisch, Mitautor der Studie. 

Es zählt nicht allein die Größe der Schutzgebiete, Durchgängigkeit ist auch hier ein wichtiges Thema

Mit Blick auf internationale Biodiversitätsziele, wie die Vereinbarung, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen, zeigt die Studie: Reine Flächenziele genügen für Fließgewässer nicht, wenn die Qualität und Ausgestaltung des Schutzes unzureichend sind. Es kommt auch darauf an, wie diese Gebiete gestaltet und vernetzt sind. Ein ganzheitlicher Ansatz bei der künftigen Gewässerschutzplanung wäre daher hilfreich. „Anstelle einzelner kleiner Schutzgebiete müssen große Teile des gesamten Einzugsgebiets eines Flusses berücksichtigt werden – von der Quelle bis zur Mündung. Dazu gehören auch Uferzonen, Nebenflüsse und angrenzende Landschaften", so Sami Domisch.

In Kolumbien: Wildfische unzureichend in Schutzgebieten geschützt

Eine Studie (in Diversity and Distributions) über Kolumbien verdeutlicht dies beispielhaft: Ein Forschungsteam unter Leitung des IGB untersuchte dort die Eignung von Schutzgebieten für Süßwasserfische. Dazu wurden Informationen zur geografischen Verteilung von 1.313 Süßwasserfischarten in 38.000 Gewässerbereichen Kolumbiens genutzt. Diese Daten wurden mit bestehenden Schutzgebieten abgeglichen, die alle Tierarten und nicht nur Fische schützen sollen. Die Analyse zeigte, dass die erforderliche Schutzfläche ähnlich groß ist wie die der bestehenden Schutzgebiete. Dennoch besteht eine erhebliche räumliche Diskrepanz: Die bestmöglichen Schutzgebiete und die tatsächlichen Schutzgebiete überlappen nur zu 25 Prozent. Sami Domisch hat die Studie geleitet und sagt dazu: „Diese Kluft macht deutlich, wie wichtig es sein kann, bestehende Schutzstrategien zu überarbeiten, um die Artenvielfalt im Süßwasser effektiver zu bewahren – insbesondere die Wanderfische.“

In dieser Studie wurde auch den oberen Abschnitten des Orinoco-Flusses ein mangelnder Schutzstatus bescheinigt. Dieser ist mit 964 Fischarten ebenso artenreich wie der kolumbianische Teil des Amazonas. Zu seinen Bewohnern zählt auch der Langstreckenwanderer – der Platin-Spatelwels. 

Auch in Deutschland ist der Schutz der größten Wanderfische, des Europäischen und des Baltischen Störs, noch eine große Herausforderung

Dr. Jörn Geßner koordiniert am IGB die Wiederansiedlung der beiden Störarten Europäischer und Baltischer Stör in Deutschland. Störe gehören zu den größten Süßwasserfischen und wandern zum Laichen vom Meer in ihre Heimatflüsse. Seit mehreren Jahrzehnten gelten sie in Deutschland als ausgestorben. „Das ist tragisch, denn Störe gibt es schon seit mehr als 200 Millionen Jahren. Sie haben Meteoriteneinschläge und Eiszeiten überlebt, aber nicht die Nutzung der Flüsse durch den Menschen“, sagt der Wissenschaftler. Derzeit untersucht sein Team im Projekt „HaffStör“, wie der Baltische Stör seinen Lebensraum in der Unteren Oder und im Stettiner Haff nutzt und welche Faktoren das Überleben der im Rahmen des Wiederansiedlungsprogramms in die Wildnis entlassenen Störe bedrohen. Die freigelassenen Fische sind zum Teil mit Sendern ausgestattet, deren Signale über Empfangsbojen oder per Boot aufgefangen werden und so mit den Informationen zu der Lebensraumbeschaffenheit und den lokalen Einflussfaktoren abgeglichen werden können. Ziel ist es Risikokarten für potenzielle Konflikte der Tiere mit den verschiedenen Nutzungen zu erstellen, um zielgerichtetere Schutzmaßnahmen planen zu können. Die Ergebnisse werden im kommenden Jahr vorliegen – also noch vor dem nächsten „World Fish Migration Day“, der alle zwei Jahre stattfindet.

Selected publications
Dezember 2025

Current protected areas provide limited benefits for European river biodiversity

James S. Sinclair; Rachel Stubbington; Ellen A. R. Welti; Jukka Aroviita; Nathan J. Baker; Miguel Cañedo-Argüelles; Zoltán Csabai; David Cunillera-Montcusí; Sami Domisch; Martial Ferréol; Mathieu Floury; Marie Anne Eurie Forio; Peter L. M. Goethals; Alexia M. González-Ferreras; Kaisa-Leena Huttunen; Richard K. Johnson; Lenka Kuglerová; Aitor Larrañaga; Timo Muotka; Riku Paavola; Petr Pařil; Jes J. Rasmussen; Ralf B. Schäfer; Rudy Vannevel; Gábor Várbíró; Martin Wilkes; Peter Haase
Nature Communications. - 16(2025), Art. 11146