Fokus
Angelina Tittmann

Gewässermanagement: Mit Ökosystemleistungen Folgen und Erfolge von Maßnahmen bewerten

Oberflächengewässer und ihre Auen zu unterhalten und zu renaturieren, kostet Zeit und Ressourcen. Doch wie lässt sich messen, ob sich eine Maßnahme lohnt? Mit den vorhandenen Bewertungsverfahren im Kontext der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) nicht gut genug, finden Forschende des IGB. Gemeinsam mit Praxispartnern der Emschergenossenschaft und des Ruhrverbands empfehlen sie deshalb in der Fachzeitschrift „Korrespondenz Wasserwirtschaft“, auch Ökosystemleistungen bei der Erfolgsbewertung von Maßnahmen in und an Gewässern einzubeziehen. Dabei sollte stärker auf die besonderen Merkmale aquatischer Systeme geachtet und gleichzeitig von Bewertungsverfahren an Land gelernt werden, wie eine weitere Studie unter Beteiligung des IGB zeigt.

Am Beispiel des Vielstaatenflusses Donau ermittelten Forschende verschiedene Ökosystemleistungen für den aktuellen Status Quo des Flusses und seiner Auen sowie für zwei verschiedene Planungszustände. | Photo by Joachim Pressl on Unsplash

Bislang belegt vor allem der gute ökologische Zustand eines Gewässers, wie ihn die WRRL fordert, den Erfolg einer Maßnahme. Doch es gibt positive Veränderungen, die weit über die rein ökologische, chemische und hydromorphologische Zustandsbetrachtung hinausgehen: sogenannte Ökosystemleistungen, also die Beiträge von Ökosystemstrukturen und -funktionen zum Wohle von Mensch und Gesellschaft. Hierzu zählen etwa eine höhere Kühlwirkung, eine verbesserte Hoch- und Niedrigwasserregulierung und Habitatvielfalt oder auch Erträge für die Fischerei und ein Attraktivitätsgewinn für die Menschen in der Umgebung.

Forschende und Fachleute empfehlen, die ökologische Zustandsklassifizierung gemäß WRRL durch eine Bewertung solcher Ökosystemleistungen zu ergänzen. Und sie heben einen zusätzlichen Vorteil hervor: Während ökologische Verbesserungsmaßnahmen oft erst Jahre später messbar werden oder mitunter ganz ausbleiben – etwa wenn die Gewässer stark vom Menschen genutzt und überprägt sind –,  können verbesserte Ökosystemleistungen früher erkannt werden. Im bisherigen „One out – all out“-Prinzip der WRRL fallen einzelne Verbesserungen zudem häufig der Darstellung des Gesamtzustands zum Opfer; sie sind nicht erkennbar. Ökosystemleistungen könnten helfen, positive Entwicklungen auch dann darzustellen, wenn die Ziele der WRRL (noch) nicht erreicht sind.

Impulse für die Praxis: bessere Planungsverfahren dank Ökosystemleistungen

Mithilfe von Ökosystemleistungen lässt sich auch die positive Wirkung von Umgestaltungs- und Unterhaltungsmaßnahmen gegenüber Politik und Gesellschaft vermitteln. „Wird der Mehrwert renaturierter Gewässer für Natur und Gesellschaft anhand konkreter Leistungen dokumentiert, kann das die Akzeptanzbildung verbessern“, sagt IGB-Forscherin Dr. Simone Podschun. Nützlich sei das insbesondere, wenn es im Rahmen geplanter Maßnahmen zu Nutzungskonflikten kommt. Gibt es bereits im Planungsverfahren Konsens zu den gesellschaftlichen Zielen, könnten potenzielle Konflikte frühzeitig erkannt und entschärft werden.

Wie das funktioniert, haben Forschende und Praxispartner am Beispiel der Donau gezeigt: Dort ermittelten sie 13 verschiedene Ökosystemleistungen für den aktuellen Status Quo des Flusses und seiner Auen sowie für zwei verschiedene Planungszustände. Sie konnten vorhersagen, wie sich die geplanten wasserwirtschaftlichen Maßnahmen auswirken werden. Obwohl beide Planungszustände gleiche Erfolge bei der Hochwasserregulation erwarten ließen, zeigten sich große Unterschiede bei anderen Ökosystemleistungen. Die Fachleute nutzten dafür den am IGB entwickelten RESI-Index, der umfangreiche Bewertungs- und Darstellungsvorschläge für die Praxis liefert.

Im Gewässermanagement findet das Konzept der Ökosystemleistungen dennoch kaum Anwendung. Um das zu ändern, soll u.a. in der künftigen DWA-Arbeitsgruppe „Erfolgsbewertung von Gewässerunterhaltungs- und -umgestaltungsmaßnahmen anhand von Ökosystemleistungen“ ein Leitfaden entwickelt werden, der eine einheitliche Bewertungsgrundlage für Ökosystemleistungen von Gewässern unterstützt.

Was sich von terrestrischen Systemen lernen lässt                 

Während das Konzept der Ökosystemleistungen für die Binnengewässer noch relativ wenig erforscht ist, wird es für terrestrische Bereiche schon länger angewendet. „Die Wichtigkeit von Gewässern für die Bereitstellung von Ökosystemleistungen wird in vielen Studien hervorgehoben, jedoch erfolgte bisher nur sehr selten eine gezielte Analyse von Gewässerökosystemen mit all ihren Besonderheiten“, sagt Podschun. Will man aquatische und terrestrische Ökosystemleistungen integriert betrachten und bewerten, sollte man die Besonderheiten von Süßwasserökosystemen also nicht außer Acht lassen. In einer zweiten Studie identifizierte sie mit internationalen Kolleg*innen daher Merkmale, die einzigartig für Fließgewässer sind. Hierzu gehören etwa die starke räumliche Verflechtung auch über Ländergrenzen hinweg, die gerichtete Strömung und die vertikale Verbindungen zum Grundwasser.

„Uns geht es darum, Wissenslücken im aquatischen Bereich möglichst schnell aufzuholen und gleichzeitig zu zeigen, wie Ansätze aus der Gewässerforschung die Ökosystemleistungsforschung voranbringen können“, erklärt Podschun. Die Ökosystemleistungsforschung liefert Ansätze zur Betrachtung von komplexen, sozial-ökologischen Systemen – aber eben auch zur Verbesserung der Wissenschaftskommunikation und Governance (bspw. „Nature based solutions“). Umgekehrt bietet die Gewässerforschung Ansätze für eine bessere räumliche Integration sowohl hinsichtlich komplexer Zusammenhänge in der Landschaft (logitudinal and lateral connectivity, flow hierarchy etc.) als auch in Bezug auf die Belange von Oberliegern und Unterliegern. „Gleichzeitig haben wir mit der Wasserrahmenrichtlinie ein auf EU-Ebene bisher einzigartiges Berichtssystem, das gute Chancen für die Integration des Ökosystemleistungsansatzes in die Praxis bietet“, stellt die Forscherin in Aussicht.

Selected publications
Mai 2021

Ökosystemleistungen zur Erfolgsbewertung und -darstellung von Gewässerumgestaltungs- und unterhaltungsmaßnahmen

Nadine V. Gerner; Simone A. Podschun; Mario Sommerhäuser; Michael Weyand
KW Korrespondenz Wasserwirtschaft. - 14(2021)5, 301-307
August 2020

Assessing land use and flood management impacts on ecosystem services in a river landscape (Upper Danube, Germany)

Barbara Stammel; Christine Fischer; Bernd Cyffka; Christian Albert; Christian Damm; Alexandra Dehnhardt; Helmut Fischer; Francis Foeckler; Lars Gerstner; Tim G. Hoffmann; Janette Iwanowski; Hans D. Kasperidus; Kathrin Linnemann; Dietmar Mehl; Simone A. Podschun; Marin Rayanov; Stephanie Ritz; Andrea Rumm; Mathias Scholz; Christiane Schulz‐Zunkel; Julia Thiele; Markus Venohr; Christina von Haaren; Martin T. Pusch; Marion Gelhaus
River Research and Applications. 2020;1–12
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