Pressemitteilung

Filterelemente im Müggelsee

Schwarze (oder weiße) etwa 1,2 cm große Filterelemente vom Typ HEL-X HXF12KLL. | Foto: David Ausserhofer/IGB

Als gewässerökologisches Forschungsinstitut können wir die Besorgnis über die am Ufer des Müggelsees gefundenen Kunststoffteilchen sehr gut verstehen. Da einige der gefundenen Teilchen den Filterelementen gleichen, die wir in unseren Süßwasser-Kreislaufanlagen zur Fischhaltung verwenden, haben wir eine gründliche Untersuchung aller denkbaren Eintragspfade von unserem Gelände begonnen. Diese detaillierte Untersuchung treiben wir mit höchster Priorität voran, sie ist jedoch noch nicht vollständig abgeschlossen.

Entgegen unserer bisherigen Annahme ist es leider sehr wahrscheinlich, dass infolge von Anlagenstörungen in der Vergangenheit doch punktuell Filterelemente aus unseren Kreislaufanlagen in den Müggelsee gelangen konnten. Dies hatten wir im Jahr 2018 nach einer Begehung des Geländes und der Anlagen mit unserem damaligen Kenntnisstand zunächst ausgeschlossen. Später haben wir festgestellt, dass unter bestimmten Umständen, insbesondere bei Strom- oder Pumpenausfällen, doch Filterelemente aus unseren Anlagen freigesetzt werden konnten. Aufgrund einer Reihe technischer Verbesserungen, die bereits im Laufe des Jahres 2018 umgesetzt wurden, sind wir sicher, dass seit Ende des Jahres 2018 keine Filterelemente mehr freigesetzt werden können.

Über den Zwischenstand unserer Erkenntnisse haben wir vergangene Woche die Wasserbehörde der Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz sowie das Umwelt- und Naturschutzamt Treptow-Köpenick und das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Spree-Havel informiert. Über die weiteren, nötigen Schritte werden wir uns eng mit den zuständigen Behörden abstimmen.

Zusätzlich möchten wir bereits jetzt Maßnahmen einleiten, um die Filterelemente aus dem Müggelsee zu entfernen. Wir bitten deshalb Anwohnende und Besuchende des Müggelsees, uns Fundstellen von Filterelementen entlang des Ufers an info(at)igb-berlin.de zu melden. Wir werden diese Funde dokumentieren und dafür sorgen, dass die Filterelemente eingesammelt und fachgerecht entsorgt bzw. recycelt werden.

Als Forschungsinstitut legen wir hohe Qualitäts- und Sicherheitsmaßstäbe an unsere eigene Arbeit an, denen wir selbstverständlich auch gerecht werden wollen. Die neuen Erkenntnisse zu den möglichen Eintragsquellen ärgern uns selbst in hohem Maße. Wir entschuldigen uns für die späte Aufklärung der möglichen Eintragspfade und dafür, dass wir sehr wahrscheinlich zur Verschmutzung des Sees mit den Filterelementen beigetragen haben. Über weitere Ergebnisse unserer eigenen betrieblichen Untersuchung werden wir informieren.

Nachfolgend beantworten wir erste Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem unbeabsichtigten Eintrag von Filterelementen in den Müggelsee stellen. Dieser Abschnitt wird laufend aktualisiert.

Fragen und Antworten

Aktualisiert am 3. August 2022

Welche Anlagen zur Fischhaltung gibt es auf dem IGB-Gelände am Müggelsee?

Auf dem IGB-Gelände am Müggelseedamm 310 werden zu Forschungszwecken Fische in vier unterschiedlichen Bereichen gehalten. Hierzu zählen die Aquarienhalle, die überdachte Außenanlage zur Störhaltung, das Aquaponik-Gewächshaus und die Teichanlagen. Die dort gehaltenen Arten umfassen einheimische Arten wie Forelle, Aal und Stör und nicht-einheimische Arten wie Arapaima, Clarias-Welse und Tilapia.

Warum gibt es Filteranlagen in den IGB-Fischhaltungsanlagen?

Die Fischhaltungsanlagen in der Aquarienhalle und die Außenanlage zur Störhaltung werden als Kreislaufanlagen betrieben. Dabei wird das Wasser im Kreislauf über Filteranlagen und biologische Reinigungsverfahren aufbereitet, sodass die Zufuhr von frischem Wasser möglichst gering gehalten werden kann. Am IGB sind dazu sogenannte Moving-Bed-Filteranlagen im Einsatz. Die Moving-Bed-Filteranlagen minimieren die Menge an Wasser, die für den Betrieb notwendig ist und bewirken damit auch eine deutliche Reduzierung des Energiebedarfs. Bei der Außenanlage zur Störhaltung konnte zudem durch die Umstellung auf Moving-Bed-Verfahren (sowie durch eine weitere Einhausung der Anlage) ein verbesserter Schallschutz für die anliegenden Grundstücke erreicht werden.

Wie funktionieren Moving-Bed-Filter?

Das Moving-Bed-Filterverfahren wird auch Bewegtbett- oder Wirbelbettverfahren genannt. Dieses aus der industriellen Wasserreinigung stammende Prinzip ist auch bei Aquakulturen und Fischaufzuchtanlagen – sowohl im gewerblichen als auch im privaten Bereich – weit verbreitet. Die Filterelemente dienen in erster Linie als Substrat, auf dem sich Bakterien ansiedeln. Diese „guten“ Bakterien wandeln die Inhaltsstoffe des Wassers, die durch die Fischhaltung erzeugt werden, in für die Fische ungiftige Formen um. Damit diese Filterelemente ausreichend mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt werden, werden sie mit einem Luftstrom im Wasser permanent umgewälzt.

Welche Art von Filterelementen verwendet das IGB?

Für unsere Moving-Bed-Filter nutzen wir sogenannte Füllkörper aus Polyethylen (PE) in schwarzer und weißer Farbe in der Größe von 1,2 cm (HEL-X HXF12KLL) und 2,5 cm (HEL-X HX25KLL). Diese handelsüblichen Füllkörper für die Aquakultur und Aquaristik sind auch in der privaten Fischhaltung weit verbreitet und im Baumarkt verfügbar. Die Filterelemente – „Biocarrier“ für die biologische Wasserreinigung – sind nicht giftig oder gesundheitsgefährdend, weshalb sie häufig in Wasserumgebungen wie z.B. Fischhaltungen eingesetzt werden. PE wird beispielsweise auch im Wasserbau für Folien und Rohre sowie in der Lebensmittelindustrie für Verpackungen oder Trinkwasserflaschen genutzt und ist recyclebar.

Warum benutzt das IGB Kunststoffelemente zum Filtern und keine natürlichen Stoffe wie z.B. Filtersand oder Kohle?

Um eine möglichst effiziente Filterleistung auf kleinem Raum zu erreichen, müssen die Filterelemente eine möglichst große Oberfläche aufweisen. Für das Filtermaterial bedeutet dies, dass es abriebfest, ähnlich dicht wie Wasser und ein großes Oberflächen-Volumen-Verhältnis aufweisen muss. Diese Eigenschaften vereinen die verwendeten Füllkörper in besonderer Weise.

Wie und in welchem Zeitraum können Filterelemente potenziell in den Müggelsee gelangt sein?

Wir haben in 2015 und 2017 unsere bestehenden Kreislaufanlagen auf Moving-Bed-Filter umgerüstet. Die Filteranlagen sind so konzipiert, dass der Austrag von Filterelementen durch Siebe verhindert wird. Vor der regulären Inbetriebnahme und dem Besatz mit Fischen wurden die Anlagen ausgiebig getestet und die Einstellungen optimiert. Trotz dieser technischen Maßnahmen können wir aus heutiger Sicht leider nicht mehr ausschließen, dass es zwischen 2015 und 2018 unter bestimmten technischen Voraussetzungen, insbesondere bei Stromunterbrechungen oder Pumpenausfällen, punktuell zu einem Austritt von Filterelementen gekommen ist. Wir haben bereits im Laufe des Jahres 2018 eine Reihe technischer Verbesserungen umgesetzt, die sicherstellen, dass seit Ende 2018 keine Filterelemente mehr freigesetzt werden können.

Wie viele Filterelemente wurden vermutlich freigesetzt?

Das ist im Nachgang nur schwer zu ermitteln, weil ein Austrag aus den beiden Anlagen in den Müggelsee nie augenscheinlich gewesen ist. Wir haben zu keiner Zeit eine merkliche Verringerung der Füllkörpermenge in unseren Filteranlagen beobachtet, und nur punktuell und unter bestimmten technischen Bedingungen Filterelemente in Bereichen gefunden, in die sie nicht gehören, nie aber in großen Mengen. Wir schätzen daher, dass bei einer Gesamtmenge von in den IGB-Anlagen eingesetzten Filterelementen von ca. 15 Kubikmetern und unter Annahme eines pessimistischen Szenarios von langfristigen, schleichenden und unbemerkten Austrägen, die Gesamtmenge (weit) unter 1 Kubikmeter liegt.

Was wissen wir über den Verbleib der Filterelemente?

Die Filterelemente gelangten wahrscheinlich in die Sedimente und in den Schilfgürtel des Nordufers des Müggelsees und werden vermutlich vor allem nach Stürmen oder nach Eisbildung freigesetzt, sodass sie auch mehrere Jahre nach dem ursprünglichen Eintragsereignis an den Ufern angespült werden können. Das IGB plant in Abstimmung mit den Behörden eine Beprobung der Sedimente, um besser einschätzen zu können, wie sich die Filterelemente in den Sedimenten des Sees verteilen und um den Verbleib zu kartieren.

Gibt es technische Lösungen, um die Filterelemente aus dem See zu entfernen?

Vermutlich nicht. Die noch im See befindlichen Filterelemente sind wahrscheinlich zum größten Teil im Wurzelbereich des Schilfes verteilt. Ein Abtragen des Schilffeldes ist aus Naturschutzgründen aber weder ratsam noch erlaubt. Werden die Filterelemente nach Stürmen oder Eisbildung aus dem Schilf gespült, sind sie in allen Wasserschichten zu finden. Dies liegt an der Beschaffenheit der Filterelemente: um ihre Funktion im Moving-Bed-Filter erfüllen, also im Wasser verwirbelt werden zu können, müssen sie eine ähnliche Dichte wie Wasser haben. Die Entfernung von freigespülten Filterelementen aus der Wassersäule ist technisch jedoch nicht ohne Beeinflussung der Tier- und Pflanzenwelt möglich. Bei starkem Südwestwind, und insbesondere nach Eisbedeckung, werden deshalb auch in den Folgejahren wahrscheinlich noch Filterelemente aus dem Schilfsaum freigespült werden. Ob andere technische Maßnahmen zur Entfernung denkbar sind, werden wir mit den zuständigen Behörden erörtern.

Was hat das IGB bisher gegen die angespülten Filterelemente unternommen?

Wir führen regelmäßig Müllsammelaktionen im Uferbereich des Müggelsees durch. Dabei haben wir seit 2018 bislang rund 15 Kubikmeter haushaltsüblichen Plastikmüll eingesammelt und entsorgt. Der gefundene Plastikmüll, der aufgrund der vorherrschenden Windlagen vor allem am Nordufer des Sees angespült wird, umfasste auch Filterelemente, bestand jedoch zum überwiegenden Teil aus Haushaltsmüll unterschiedlicher Herkunft. Darüber hinaus haben Anwohner*innen und Besucher*innen des Müggelsees in den letzten Jahren regelmäßig angespülte Filterelemente am Ufer eingesammelt und so dankenswerterweise zur Reduktion der noch im See befindlichen Filterelemente beigetragen. Unsere eigenen Funde und die Meldungen von Anwohner*innen, die uns erreicht haben, haben seit 2020 stark abgenommen – wir nehmen daher an, dass ein Großteil der Filterelemente tatsächlich bereits eingesammelt wurde.

Welche Auswirkungen können die Filterelemente im Müggelsee haben?

Wie jeder andere Kunststoffeintrag auch, können die Filterelemente lange in der Umwelt verbleiben und dort trotz ihrer Stabilität letztendlich eine Quelle für Mikroplastik werden. Mikroplastik kann sich auf Ökosysteme auswirken, zum Beispiel weil Mikroorganismen die Partikel als Lebensraum und Transportmittel nutzen oder weil sie von Filtrierern wie Süßwassermuscheln aufgenommen werden. Das IGB erforscht die Auswirkungen von Mikroplastik in unseren Gewässern und weiß daher, dass Kunststoffe aus Polyethylen (PE) zwar nicht toxisch sind, aber die Funktion von Ökosystemen stören können und nicht in unsere Gewässer gehören. Obgleich die Verschmutzung des Müggelsees durch Kunststoffe weit über die vom IGB verwendeten Filterelemente hinausgeht, müssen wir leider feststellen, dass wir sehr wahrscheinlich zur Plastikverschmutzung beigetragen haben. Deshalb werden wir unser Bestmögliches tun, um die Filterelemente aus dem See zu entfernen.

Welchem Forschungszweck dienen die Fischhaltungsanlagen des IGB?

Für die Wiederansiedlung der ausgestorbenen Störarten in den Norddeutschen Fließgewässern wird in der Aquarienhalle und der Außenanlage zur Störhaltung ein Elterntierbestand aufgebaut. In der Aquarienhalle erforschen wir außerdem das geschlechtsspezifische Verhalten des vom Aussterben bedrohten Arapaima. Um die Fortpflanzung des Arapaima zu untersuchen, wird dort aktuell das Verhalten von Arapaimas mittels Kameras dokumentiert. Neben diesen Aktivitäten zum Artenschutz ist die nachhaltige Erzeugung von Nahrungsmitteln in sogenannter Aquaponik (kombinierte Fisch- und Pflanzenzucht) bzw. multitrophischen, integrierten Produktionssystemen (Fisch-Pflanze-Insekt) ein weiterer Forschungsschwerpunkt. Übergeordnetes Ziel sind dabei die ressourcenschonende Nutzung von Wasser und die Vermeidung von Emissionen durch die Entwicklung von Wertschöpfungsketten. Außerdem werden mit Welsen und Tilapien Versuche zu alternativen Fisch-Futtermitteln für Aquaponikanlagen durchgeführt und Verfahren für die umwelt- und tierfreundliche Hygienisierung von Aquakulturanlagen entwickelt.

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