Fokus
Nadja Neumann

Der Hecht im Käfig

Über die kulturellen Einflüsse, die unsere Beziehung zu Gewässern und deren Artenvielfalt prägen
Seit Jahrtausenden prägen Menschen Gewässer und umgekehrt prägen Gewässer und ihre Lebewesen uns. Aquatische Tiere und Pflanzen haben Einzug in Kunst und Kultur gehalten. Das betrifft sogar nicht heimische Arten, wie den Waschbär. Auch unser Umgang mit der Natur ist kulturell gewachsen. Das erklärt beispielsweise, warum sich das Angeln in einem alten und einem neuen Bundesland unterscheidet. Die kulturelle Prägung beeinflusst zudem, wie wir es mit dem Natur- und Artenschutz halten, und kann diesen somit fördern oder behindern. Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) beschäftigen sich auf verschiedene Weise mit dem Thema.

Notgeld-Pfennig aus Berching mit der Abbildung von einem Hecht im Käfig. | Bild: Staatliche Münzsammlung München, BY-NC-SA 4.0

Die Legende vom Berchinger Hecht im Vogelkäfig geht so: Vor langer Zeit führte der Fluss Sulz in Bayern viel Wasser und trat über die Ufer. Als die Flut zurückging, fanden die Bewohnerinnen und Bewohner von Berlingen ein seltsames Tier auf ihren Wiesen. Sie trugen es ins Rathaus und diskutierten, um welches Wesen es sich wohl handeln möge. Am Ende waren sich alle einig, dass es ein Vogel war und sperrten es in einen Käfig. Es war aber ein Hecht. Als der Hecht sein Maul öffnete, um seinen letzten Atemzug zu tun, riefen die Berchinger: „Ruhe, er wird singen!“ Der Hecht im Käfig findet sich auf einer 10-Pfennig Münze von 1920. Es war Notgeld – also eine Münze, die von Gemeinden ausgegeben wurde, um den Mangel an offiziellem Geld auszugleichen. Daher wurden darauf häufig lokale Bezüge hergestellt.

In Geschichten lassen Aale oder Hechte die Menschen wie Narren dastehen

© Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, BY-NC 4.0

„Zu Fischen gibt es in Deutschland erstaunlich viele humoristische Geschichten, vor allem zu Hechten und Aalen. Oft geht es darin um Menschen, die die Natur der Fische nicht verstehen und daher auf seltsame Weise mit ihnen umgehen. Ein weiteres Beispiel ist die Erzählung vom Aal, der zur Strafe im See ertränkt wird. Solche Überlieferungen verdeutlichen zwei Dinge: Einerseits ist uns die Artenvielfalt unter der Wasseroberfläche fremder als Tiere an Land. Andererseits zeigen sie aber auch, dass ökonomisch wichtige oder besonders charismatische Arten schon immer Widerhall in Kunst und Kultur gefunden haben“, sagt Phoebe Griffith. Die IGB-Wissenschaftlerin setzt sich mit der kulturellen Bedeutung von Gewässern und ihren Lebewesen auseinander.

Tief verwurzelte Sichtweisen prägen unseren Umgang mit der Natur

Dafür analysiert sie alte, überlieferte Geschichten aus verschiedenen Ländern und untersucht, wie sich darin unser Blick auf Gewässer und ihre Lebewesen widerspiegelt. Dieser kann ganz unterschiedlich sein, wie der Umgang mit Überflutungen zeigt: In der neuseeländischen Kultur hat ein Fluss als Wesen das Recht, sich so zu verhalten, wie es einem Fluss eben entspricht – auch über die Ufer zu treten. Auf den friesischen Inseln war es hingegen seit jeher essenziell, Menschen vor der Flut zu schützen. In alten Geschichten wird erzählt, dass Gott die Menschen mit einer Flut bestrafte, wenn sie sich nicht gut genug um die Deiche kümmerten. „Diese kulturellen Wurzeln lassen sich nicht schnell über Bord werfen, und oft sind wir uns ihrer in Europa gar nicht mehr bewusst, weil solche Geschichten nicht mehr erzählt und weitergegeben werden“, sagt Phoebe Griffith. So können es auch Ansätze des Natur- oder Artenschutzes schwer haben, etwa wenn dem technischen statt dem natürlichen Hochwasserschutz Vorrang eingeräumt wird. 

Naturschutz basiert auf Werten – diese sind kulturell gefärbt und nie universell

Die Wissenschaftlerin plädiert daher dafür, den Aspekt der kulturellen Verbundenheit beim Artenschutz wieder stärker zu berücksichtigen. „Der Verlust der Artenvielfalt in Süßwasserökosystemen kann nicht als rein ökologisches Problem betrachtet werden. Er ist untrennbar mit kulturell geprägten sozialen Beziehungen, Bedeutungen, politischen Systemen und Machtstrukturen verbunden, welche die Süßwasserökosysteme prägen“, sagt Phoebe Griffith. Zwar würden sozialwissenschaftliche Aspekte beim Artenschutz mittlerweile immer mitgedacht, der Fokus liege aber mehr auf der individuellen Entscheidungsfindung als auf den kollektiven kulturellen Einflüssen.

Denn laut der Wissenschaftlerin basiert Naturschutz auf Werten, die niemals universell sind. So liege in den Industrienationen der Fokus darauf, bestimmte bedrohte Tierarten zu schützen, während es in anderen Kulturen darum gehe, die Beziehung zur belebten Umwelt zu bewahren. „Dies sind komplett verschiedene Herangehensweisen, die große Konflikte hervorrufen können“, sagt Phoebe Griffith. „Beispielsweise dann, wenn Artenschutzmaßnahmen traditionelle Formen der Naturbeziehung verändern oder einschränken. Wenn etwa der lokalen Bevölkerung die Jagd auf bedrohte Tiere untersagt wird.“

Wie es anders gehen kann, zeigt ein Beispiel aus dem Amazonas in Brasilien

© David Ausserhofer

Im Amazonas lebt der Arapaima, ein riesiger Fisch, der durch Überfischung bedroht ist. Um die Bestände zu retten, wählte man hier einen community-basierten Ansatz. Dabei verknüpfte man überlieferte Verhaltensweisen im Umgang mit den Fischbeständen mit dem Wissen über die Biologie und Physiologie der Tiere und schaffte es so, die Fischerei zu erhalten. Gleichzeitig erholten sich die Arapaima-Bestände und wuchsen auf das Zehnfache an. „Natur- und Artenschutzansätze wie dieser sind nicht nur ökologisch, sondern auch ethisch verantwortungsbewusster“, sagt Phoebe Griffith.

Der kulturelle Wert kann auch schädlich sein

Es gibt jedoch auch eine unschöne Seite, wie die Wissenschaftlerin erläutert: „Die kulturelle Bedeutung von Lebewesen kann deren Existenz gefährden.“ Dies betrifft Tiere, die als Delikatesse gelten, denen eine besondere Wirkung zugesprochen wird oder deren Konsum als Statussymbol gilt. Ein Beispiel hierfür ist der chinesische Riesensalamander. Er gilt als Symbol für Wohlstand und wird als Nahrungsmittel oder in der Medizin verwendet. Dies hat dazu geführt, dass er mittlerweile auf der Roten Liste der bedrohten Arten als stark gefährdet gilt. Gleiches betrifft den Stör, der wegen seines Kaviars intensiv befischt wurde. Heute sind 25 der 26 Störarten weltweit bedroht.

Invasive Arten und ihre kulturelle Integration

Ein weiterer Aspekt ist die kulturelle Integration invasiver Arten und die damit verbundenen Herausforderungen für Naturschutzmaßnahmen. Mit diesem Thema befasst sich der IGB-Wissenschaftler Jonathan Jeschke. Eine seiner Studien zeigt, wie einige invasive Arten von der lokalen Bevölkerung als vertraute und geschätzte Elemente ihrer lokalen Umgebung akzeptiert werden. „Ob es sich nun um eine Pflanzenart handelt, die in traditionellen Rezepten verwendet wird, oder um eine Tierart, die in lokalen Festen gefeiert wird – die kulturelle Akzeptanz invasiver Arten verändert die Art und Weise, wie Menschen mit ihnen umgehen, selbst wenn diese Arten Probleme verursachen“, erläutert er. Nachdem die invasive Rohrkolbenart Typha domingensis zu einer beliebten Ressource für das Kunsthandwerk geworden war, begannen lokale Gemeinschaften in Mexiko, ihre Ausbreitung absichtlich zu fördern. Dies hatte negative Auswirkungen auf das Totora-Schilf (Schoenoplectus californicus), eine kulturell und ökologisch wichtige Feuchtgebietspflanze.

Beim Management invasiver Arten den kulturellen Aspekt mitdenken

Ist eine invasive Art kulturell integriert, wird es für Naturschützer*innen viel schwieriger, ihre Verbreitung einzudämmen. Der öffentliche Widerstand kann wichtige Managementmaßnahmen blockieren. Jonathan Jeschke hat in einer anderen Studie bereits gezeigt, dass auch das Charisma der invasiven Art Einfluss auf ihre Einschleppung und ihr Image hat. „Ein prominentes Beispiel ist der Waschbär, dessen niedliches Äußeres die Eindämmung erschwert, weil dann oft die öffentliche Unterstützung fehlt“, so Jonathan Jeschke. In Italien wurde ein Programm zur Kontrolle des invasiven Grauhörnchens – und zum Schutz des heimischen Eichhörnchens – durch Interessengruppen mithilfe niedlicher Comicfiguren verhindert.

Ähnlich wie Phoebe Griffith im Hinblick auf den Artenschutz, hält Jonathan Jeschke auch im Umgang mit kulturell integrierten invasiven Arten eine sensible Herangehensweise für sinnvoll. „Der Umgang mit invasiven Arten sollte nicht nur naturwissenschaftlich sinnvoll sein, sondern auch soziale, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen.“

Beispiel aus Deutschland: Fangen und wieder freilassen – diese Angelpraxis ist kulturell geprägt

© Florian Möllers, AVN

Ein weiteres Beispiel für die kulturelle Prägung im Umgang mit Wassertieren zeigt sich in Deutschland beim Angeln. Eine Studie des IGB-Forschers Robert Arlinghaus ergab, dass Anglerinnen und Angler in Mecklenburg-Vorpommern eher Fische zum Verzehr entnehmen, während in Niedersachsen das Zurücksetzen gefangener Fische häufiger praktiziert wird. Dies unterstreicht, wie kulturelle Unterschiede das Verhalten im Umgang mit natürlichen Ressourcen beeinflussen können. „Dieses Ergebnis unserer Tagebuchstudie lässt sich auch durch unterschiedliche Werte und Normen in West- und Ostdeutschland erklären, insbesondere durch eine stärkere Subsistenzorientierung, die früheren Studien zufolge in Ostdeutschland ausgeprägter ist“, sagt Robert Arlinghaus.

Die Deutschen wissen wenig über Fische…

Der Wissenschaftler beschäftigt sich in vielerlei Hinsicht mit den Beweggründen dafür, warum und in welcher Weise sich Menschen mit Fischen verbunden fühlen. In einer großen Studie befragte sein Team 1.000 Personen in Deutschland und in drei weiteren europäischen Ländern zu ihrer Wahrnehmung der Artenvielfalt in Flüssen. Das Ergebnis: Das Wissen über Süßwasserfische ist in der deutschen Bevölkerung eher begrenzt. So werden Regenbogenforelle und Bachsaibling, die im 19. Jahrhundert aus Nordamerika eingeführt wurden, überwiegend für heimisch gehalten, während der einst heimische Atlantische Lachs von den Deutschen vornehmlich in Skandinavien und nicht mehr hierzulande verortet wird. „Das hat uns überrascht, weil der Lachs in Artenschutzkreisen gerne als Flaggschiffart für den Fließgewässerschutz genutzt wird und sowohl im Rhein als auch in der Elbe durch Besatz wiederangesiedelt wird”, sagt Robert Arlinghaus.

…trotzdem hat für sie der Gewässerschutz hohe Priorität

Er zieht aus der Studie Rückschlüsse für die Kommunikation im Naturschutz: „Wer Menschen für die Bedrohung von Fischen sensibilisieren möchte, muss die kulturelle Einbettung der Fische berücksichtigen. In Ländern wie Norwegen, wo Flussfische wie Lachse wirtschaftlich und kulturell von großer Bedeutung sind und die Bedrohung der Wildfischbestände medial gut aufgearbeitet wird, ist es sinnvoll, Gewässerschutzprojekte rund um die Fische als Flaggschiffarten zu entwickeln.“ In Ländern wie Deutschland hingegen, in denen sich die Bevölkerung eher abstrakt für eine intakte Natur interessiert und über nur wenig ‚Fischwissen‘ verfügt, gelinge die gesellschaftliche Sensibilisierung für Gewässer- und Fischartenschutzprojekte besser, wenn der Nutzen eines ökologisch gesunden Ökosystems für den Einzelnen und die Gesellschaft hervorgehoben wird. Das dafür nötige saubere Wasser und frei fließende Flüsse kommen am Ende auch den bedrohten Wanderfischen wie Lachs und Stör zugute.“

Auch Phoebe Griffith zieht wichtige Lehren für den Forschungsbereich: „So humoristisch die Geschichte vom Hecht im Käfig auch sein mag, sie ist nicht weit von unserer heutigen Realität entfernt. Also sollten wir als Forschende auch etwas mehr Mut wagen und uns mit der emotionalen Komponente auseinandersetzen, die uns mit dem Wasser und seinen Lebewesen verbindet. Damit andere Menschen mehr wissen und erfahren möchten über die faszinierende Artenvielfalt unter Wasser."

Diesen Text und viele andere spannende Beiträge finden Sie auch in unserem neuen IGB Magazin #1 Bewegung >

Selected publications
Juni 2025

Cultural integration of invasive species

Ivan Jarić; Álvaro Fernández-Llamazares; Zsolt Molnár; Ugo Arbieu; Susan Canavan; Ricardo A. Correia; Franz Essl; Katie L. Kamelamela; Richard J. Ladle; Anne-Claire Maurice; Yves Meinard; Ana Novoa; Martin A. Nuñez; Petr Pyšek; Uri Roll; Valerio Sbragaglia; Ross T. Shackleton; Liron Shani; Kate Sherren; Yael Teff-Seker; Ana Sofia Vaz; Priscilla M. Wehi; Jonathan M. Jeschke
npj biodiversity. - (2025)4, 25