Fokus
Katharina Bunk

„Mir ist wichtig, dass das IGB eine Gemeinschaft ist”

Ein erstes Kennenlernen mit dem neuen IGB-Direktor Luc De Meester
Der belgische Gewässerökologe und Evolutionsbiologe Luc De Meester ist neuer Direktor des IGB und Professor für Freshwater Science an der Freien Universität Berlin. Wo kommt er her, wo will er mit dem IGB und seinen Mitarbeitenden hin? In seiner ersten Arbeitswoche hat er uns erzählt, was ihn bewegt und welche Pläne er hat.

Luc De Meester ist neuer Direktor des IGB. An der Universität Löwen (KU Leuven) in Belgien ist er seit über 20 Jahren Professor für Ökologie und Evolutionsbiologie. | Foto: David Ausserhofer

Lieber Luc De Meester, herzlich willkommen am IGB! Sie haben uns vorab verraten, dass Sie sehr direkt sind. Das passt natürlich gut zum Ruf der Hauptstadtregion. Also reden wir nicht lange drumherum: Warum wollten Sie überhaupt Direktor des IGB werden?

Ich bin tatsächlich für einen recht direkten Stil. Aber vielleicht ist die belgische Direktheit noch einmal anders als die Direktheit in Berlin und Brandenburg? Vor allem aber finde ich, dass Klarheit und Transparenz wichtig sind. Das verringert die Wahrscheinlichkeit von Missverständnissen ungemein. Aber nun auch direkt zu Ihrer Frage: Das IGB ist eines der herausragenden Gewässerforschungsinstitute in Europa und weltweit. Das Institut hat sich hervorragend entwickelt, sodass jetzt ein toller Zeitpunkt ist, das Ruder zu übernehmen – das IGB ist international hoch angesehen, aber es gibt genug Spielräume und Flexibilität für neue Ansätze. Dieses Potenzial, die exzellente Forschung voranzutreiben und das Forschungsspektrum des Instituts weiterzuentwickeln, ist sehr attraktiv. Die Bandbreite, alle Aspekte ganzer Ökosysteme untersuchen zu können, in Verbindung mit der Langzeitperspektive unterscheidet uns von den Rahmenbedingungen in Unilaboren, wo Forschungsaktivitäten häufig von den kurzfristigen Perspektiven der befristeten Forschungsprojekte abhängen. Hier am IGB haben wir die Möglichkeit, wirklich langfristig zu denken und die Entwicklung innovativer Forschungsideen mit dem Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis zu verbinden. Diese Themenoffenheit und Flexibilität finde ich großartig und extrem wichtig, um relevante, zukunftsorientierte Forschung zu betreiben. An der Universität in Löwen habe ich in den letzten 20 Jahren eine ziemlich große Forschungsgruppe geleitet, geforscht und sehr viel Lehre gemacht. Das alles unter einen Hut zu bringen, war zeitweise herausfordernd, aber es war eine sehr erfüllende Aufgabe, die mir sehr großen Spaß gemacht hat. Aber ich habe die Vorstellung, als IGB-Direktor einen größeren gesellschaftlichen Beitrag leisten zu können – also einen nachhaltigeren Umgang mit unseren Gewässern zu fördern.

Forschen für die Zukunft unserer Gewässer – der Leitspruch des IGB – sagt Ihnen also durchaus zu?

Selbstverständlich. Es ist ja genau dieser Leitgedanke, der das IGB zu dem gemacht hat, was es heute ist. Ich finde den ganzheitlichen Ansatz des IGB, die verschiedenen Disziplinen und Facetten der Gewässerforschung zusammenzubringen und die Ökosysteme als Ganzes zu betrachten, visionär und essentiell zugleich. Die Zielsetzung des IGB noch weiter zu schärfen und dabei die gewinnbringende Diversität der Expertisen und Themen zu bewahren, wird für mich in enger Zusammenarbeit mit den Forschenden eine wichtige strategische Aufgabe sein.

Welche Herausforderungen sehen Sie in Ihrer neuen Position?

In meiner eigenen Forschung bin ich fasziniert davon, wie Artengemeinschaften und Populationen auf Umweltveränderungen oder Extremereignisse reagieren. Widerstandsfähigkeit und die Flexibilität, auf Veränderungen zu reagieren und davon zu profitieren, sind sehr wichtig. Aber auch, dass die Veränderungen nicht zu drastisch oder extrem sind. Ich denke, das gilt auch für ein Institut wie das IGB. Veränderungen sind oft notwendig und können Schwung in die Sache bringen. Aber ähnlich wie in der Evolution, baut man auf bestehenden Strukturen auf. Die Evolution hat eine überwältigende Vielfalt von Arten und Merkmalen hervorgebracht, unter anderem, weil sie auf bestehenden Strukturen aufbaut, was oft zu kreativen Lösungen führt. Ein Spagat wird sein: Wie weit kann ich eine starke Vision ausstrahlen und die Mitarbeitenden mitnehmen, bevor es ihnen zu bunt wird und sie abschalten? Mir ist wichtig, dass das IGB eine Gemeinschaft ist, dass wir gemeinsam die gleichen Ziele verfolgen. Eine zusätzliche Herausforderung für mich als Belgier wird sein, mich in die deutsche Sprache und die deutsche Wissenschaftslandschaft und Forschungspolitik einzuarbeiten. Aber Herausforderungen…

...können ja auch Chancen sein?

Ja, natürlich. In Deutschland wird viel in die Nachhaltigkeitsforschung investiert, das ist eine Chance, das finde ich grandios. Und ich habe den Eindruck, dass die Gesellschaft in Deutschland der Wissenschaft und ihren Forschungsergebnissen gegenüber sehr positiv eingestellt ist. Und dass die Politik hierzulande offen für forschungsbasierte Beratung ist.

Gibt es etwas, dass Sie uns – den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des IGB – gleich zu Beginn mit auf den Weg geben wollen?

Begeisterungsfähigkeit ist für mich eine sehr wichtige Charaktereigenschaft. Ich hoffe, dass meine neuen Kolleginnen und Kollegen am IGB meinen Enthusiasmus für das Institut und die vor uns liegenden Möglichkeiten spüren und teilen. Die Bereitschaft, sich auf neue Ideen einzulassen, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren, ist meiner Meinung nach von entscheidender Bedeutung. Außerdem sind mir Toleranz, Geschlechtergerechtigkeit und Nachhaltigkeit große Anliegen, die auch zentral für das IGB sein sollten. Ein Forschungsinstitut ist eine Gemeinschaft von Menschen, die einen beträchtlichen Teil ihrer Lebenszeit zusammen verbringen und ihre Ziele im Team erreichen. Ich möchte dabei helfen, für diese Gemeinschaft die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen, damit wir weiterhin erfolgreich forschen können – im Interesse des Instituts und im Interesse der Entwicklungschancen der Mitarbeitenden. Und „erfolgreich forschen“ heißt im Falle des IGB selbstverständlich auch: Gesellschaft und Entscheidungstragende in die Lage zu versetzen, den rasanten globalen Umweltveränderungen zu begegnen. Es ist immens wichtig, das richtige Verhältnis von Schutz und Nutzung gewässerbasierter Ressourcen und Ökosysteme zu finden, angesichts der Tatsache, dass ein hinreichender Schutz oft entscheidend für deren zukünftige Nutzung ist. Ich freue mich sehr darauf, bald alle meine IGB-Kolleginnen und -Kollegen zu treffen – und habe eine kleine Bitte: etwas Nachsicht, was meine bisherigen, noch recht begrenzten Deutschkenntnisse angeht.

Das Gespräch führten Nadja Neumann und Katharina Bunk. Es wurde aus dem Englischen übersetzt.

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