Fokus
Christian Wolter

„Tödliches Risiko durch aufgestaute Flüsse“

Ein Beitrag von Christian Wolter für Terra X – die Wissens-Kolumne
Wer wegen Dürre und trockener Flussbetten nach mehr Stauhaltung ruft, hat nichts verstanden – sondern fördert Lebensraum mit Katastrophenpotential.

IGB-Fischökologe Christian Wolter forscht seit fast drei Jahrzehnten an der Oder. | Foto: Lena Giovanazzi

Was seit dem 06.08.2022 die Oder heruntertrieb, war nicht nur ein kleiner Fisch. Es waren ungeheure Mengen von Fischen aller Arten und Größen. Auf einer Strecke von etwa 160 Kilometern Länge wurden mehr als 200 Tonnen Fischkadaver geborgen – weitaus mehr sind auf den Grund des Flusses gesunken oder lagen im Ufersaum.

Die Suche nach der Ursache für dieses beinahe zwei Wochen anhaltende, den gesamten Mittel- und Unterlauf der Oder betreffende katastrophale Fischsterben glich einem Krimi, an dessen Ende ein „Täter“ identifiziert wurde: ein Algengift aus der Gruppe der Prymnesine.

Aufsalzen als Ursache fürs Fischsterben in der Oder

War es eine Naturkatastrophe? Ganz sicher nicht! Prymnesium parvum – so der Name des toxinbildenden Algenstamms – ist eine Brackwasseralge, die bei Salzgehalten von zwei bis 30 Promille wächst. Zum Vergleich: Süßwasser hat weniger als ein Promille Salzgehalt. Damit in einem Fluss wie der Oder eine Brackwasseralge geeignete Lebensbedingungen finden und zur Massenentwicklung kommen konnte, waren massive Salzeinträge nötig.

Dieses Aufsalzen der Oder weit über die normale Leitfähigkeit des Wassers hinaus war die unmittelbare Ursache der Katastrophe, weil es die Algenblüte der Art Prymnesium parvum erst ermöglichte – und damit einhergehend die Produktion signifikanter Mengen des Toxins.

Natürlich müssen die Herkunft des Salzes und die Umstände seiner Einleitung umfassend aufgeklärt werden, um solche Katastrophen künftig zu vermeiden. Aber die eigentliche Ursache liegt tiefer.

Aufgestaute Flüsse können zu Algenblüten führen

In einem natürlichen Fluss kommen hunderte verschiedene Algenstämme vor, die sich vermehren. Eine Algenzelle teilt sich etwa alle 24 Stunden – kann aber aufgrund der vorherrschenden Strömung nie lange genug an einem Ort verweilen, um dort Massenentwicklungen, sogenannte Algenblüten, zu bilden.

Mit dem Aufstau der Flüsse verbessern sich die Wachstumsbedingungen für Algen, weil die Fließgeschwindigkeit abnimmt und die Verweilzeit des Wassers steigt. Letztere ist bei Niedrigwasser im Sommer besonders hoch. Kommen dann noch Nährstoffe – die es in der Oder reichlich gibt –, hohe Temperaturen und Sonne hinzu, vermehren sich die Algen explosionsartig und „blühen“.

Niedrigwasser, Hitze und Salze - eine toxische Mischung

In der Oder kam alles zusammen: Stauhaltung, Sonne, hohe Temperaturen und die „Prise“ Salz, die zur Massenentwicklung von Prymnesium parvum mit mehr als 100.000.000 Zellen pro Liter und einer dementsprechend hohen Toxinbildung führten.

Niedrigwasser und hohe Temperaturen – die Folgen des Klimawandels? Nur zum Teil, denn die aktuell zu beobachtenden Niedrigwasserstände sind künstlich verstärkt, weil Flüsse ihrer Widerstandsfähigkeit (Resilienz) gegenüber hydrologischen und klimatischen Veränderungen beraubt wurden. Auen sind natürliche Puffersysteme der Flusslandschaft, die Hochwasserwellen mindern und Wasser für „trockene Tage“ speichern.

Flussregulierungen ein Faktor für Entwässerung bei Trockenheit

Heute sind in Deutschland nur noch 30 Prozent der historischen Aueflächen überflutbar. In den letzten 150 Jahren wurden die Flüsse begradigt und verloren im Durchschnitt 23 Prozent ihrer ursprünglichen Länge. Die verbliebenen Strecken sind zu 70 Prozent staugeregelt.

Auch wurden nahezu sämtliche Nebenarme sowie 84 Prozent aller Inseln beseitigt. Infolgedessen haben sich Fließgeschwindigkeiten erhöht, Flüsse eingetieft und die Flusslandschaft wird schneller und tiefer entwässert. Die Auen speichern weniger Wasser, so dass in regulierten Flüssen Niedrigwasserperioden eher einsetzen und länger anhalten.

Renaturierung erforderlich für Anpassung an Klimawandel

Intakte Flusslandschaften sind eine essentielle Lebensgrundlage für den Menschen und Zentren der Biodiversität. Um ihre Resilienz und Anpassung an den Klimawandel zu fördern, sind natürliche Prozesse zum Hochwasserschutz und Wasserrückhalt in der Landschaft zu revitalisieren sowie Eingriffe soweit möglich zurückzubauen bzw. zu mildern.

Zum Schluss: Stauhaltungen zum Wasserrückhalt sind keine Anpassung an den Klimawandel. Sie begünstigen Verdunstung, halten Sedimente zurück, fördern stromab sogar Tiefenerosion und Landschaftsentwässerung. Die Oder führt uns beispielhaft vor Augen, wie aus einem aufgestauten Fluss ein neuer, flussuntypischer Lebensraum mit „Katastrophenpotenzial“ wird.

Der Beitrag ist zuerst am 28. August 2022 als Terra-X-Kolumne auf ZDF heute erschienen >

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